1Der Übergang Ostpreußens nach 1945 an Polen und die Sowjetunion bedeutete das Ende der traditionellen ostpreußischen Adelskultur durch den Verlust der Besitzungen, oft auch ihrer Familienarchive und -Sammlungen. Nur wenigen Familien war es gelungen, ihre Buch- und Handschriftenbestände rechtzeitig durch Verlagerung zu sichern und somit zu bewahren. Das Schicksal des Lehndorff-Archivs steht stellvertretend für viele derartige Sammlungen. Es wies ursprünglich die typische Struktur und üblichen Inhalte eines Adelsarchivs auf (Unterlagen zur Gutsverwaltung, Testamente, Vormundschaften, Erbstreitigkeiten, Eheverträge, familiengeschichtliche Forschung, Tagebücher, Korrespondenzen) und wurde kriegsbedingt auseinandergerissen. Nur ein Teil hat am Ort selbst „überlebt“ und wurde später geborgen. Aufgrund unsachgemäßer Aufbewahrung und infolge der kriegsbedingten Verlagerungen ist der Erhaltungszustand vieler Akten schlecht (Schimmel, Tinten- und Mäusefraß, Wurmbefall).

2Die bislang bekannte Überlieferung des Guts- und Familienarchivs Lehndorff befindet sich heute an drei Standorten:

Staatsarchiv Leipzig, Bestand 21950 Familienarchiv Lehndorff, 6 lfm in 528 Verzeichniseinheiten … hier weiterlesen

Staatsarchiv Allenstein (Archivum Państwowe w Olsztynie), Bestand 382 Archiv des Grafen-Geschlechts Lehndorff zu Steinort, 4,5 lfm in 657 Verzeichniseinheiten … hier weiterlesen

Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin-Dahlem, XX. HA, Rep. 54 Gutsarchive, Gutsarchiv Lehndorff-Steinort, 6,5 lfm in 944 Verzeichniseinheiten … hier weiterlesen

3Die Überlieferung des Familienarchivs lässt sich durch weitere archivalische Überlieferung ergänzen. Herangezogen werden u. a. der Nachlass Mülverstedt im Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Abt. Magdeburg, Bestände im Brandenburgischen Landeshauptarchiv, im Landesarchiv Berlin, im Evangelischen Zentralarchiv und im Bundesarchiv sowie das Brandenburg-Preußisches Hausarchiv, Bestände des Historischen Staatsarchivs Königsberg, verschiedene Nachlässe, Akten des Geheimen Rats und des preußischen Innenministeriums im GStA PK.

4Neben den bekannten biografischen Arbeiten über Ahasver Graf von Lehndorff (Hosäus) und Carl Ludwig Graf von Lehndorff (Schultze), der Edition der Tagebücher des Ernst Ahasver Heinrich von Lehndorff (Schmidt, Ziebura) sowie den familiengeschichtlichen Arbeiten (Hennig 1792, Pisanski 1796, Bender 1867) gibt es bisher nur wenige edierte Quellen des Lehndorff-Archivs. Insbesondere handelt es sich dabei um die in den Mitteilungen der Litterarischen Gesellschaft Masovia in Auszügen abgedruckten Übersetzungen der Briefe der Prinzen Ferdinand und August Wilhelm sowie Friedrich Wilhelms II. an Ernst Ahasver Heinrich von Lehndorff sowie um die Briefe Krasickis an Lehndorff (in: Mikulski, Korepondencja Krasieckiego). Ediert wurde ebenfalls aus den Bauakten des Lehndorff-Archivs (Lorck, 1933 und 1937), Gutsakten wurden in eine Arbeit über gutsherrlich-bäuerliche Verhältnisse in Ostpreußen während der Reformzeit von 1770 bis 1830 einbezogen (Böhme, 1902). Die genealogischen Aufzeichnungen, Manuskripte (Hennig, Bender) und Stammtafeln, die überwiegend in das 17. Jahrhundert zu datieren sind, wurden am Ende des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausgewertet (Sommerfeld, 1899 bis 1920; Mülverstedt, 1851 bis 1906).

Staatsarchiv Leipzig

5Der heute in Leipzig befindliche Archivteil war auf die Burg Kriebstein in Sachsen verbracht worden. Infolge der Bodenreform gelangte er über eine Einlagerung im Kreis Döbeln Anfang 1966 an das Staatsarchiv Leipzig. Aufgrund des umfangreichen genealogischen Materials wurde der Bestand der dortigen, 1967 gegründeten Zentralstelle für Genealogie zugeordnet. Nach Abschluss der Erschließungsarbeiten wurde der Bestand 2003 schutzverfilmt. Im Kontext der 2004 begonnenen Erstellung eines Findbuches wurde der Bestand nochmals überarbeitet. Es entstand eine neue Klassifikation, bei der die Familienmitglieder das erste Ordnungskriterium bilden. Das zweite Ordnungskriterium sind die Aktivitäten der Familienmitglieder im Staats- und Militärbereich, in der regionalen Verwaltung und Öffentlichkeit, im eigenen gutswirtschaftlichen Herrschaftsbereich und im familiären Bereich. Innerhalb dieser Klassifikationsgruppen wurde chronologisch geordnet, die genealogischen Sammlungen zu anderen Adelsfamilien alphabetisch.

Staatsarchiv Allenstein

6In Polen wurden ab 1946 alle von den Deutschen hinterlassenen Archivalien sichergestellt. Die ostpreußischen Gutsarchive wurden ab 1947 visitiert, darunter Steinort. Die hier verbliebenen Archivalien gelangten 1948 in das neugegründete Staatsarchiv Allenstein (Archivum Państwowe w Olsztynie) und wurden als Bestand „Archiv des Grafen-Geschlechts Lehndorff zu Steinort/Kreis Węgorzewo“ verzeichnet. Seit Mai 2016 sind die Akten mit wenigen Ausnahmen als Digitalisate hier abrufbar.

7Die Verzeichnung folgt inhaltlichen Prinzipien: Dokumente rechtlichen Inhalts, Bewirtschaftungs- und Verwaltungsdokumente zu Steinort und den dazugehörigen Gutshöfen, Forstverwaltung, Pferdezucht, Ziegelei, persönliche Dokumente und Familiendokumente, Dokumente zu offiziellen und patrimonialen Tätigkeiten; Dokumente zu wohltätigen Aktivitäten, Drucke und Handschriften zum Landtag.

Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin

8Ein weiterer, bislang unbekannter und erst durch das hier vorzustellende Projekt wieder aufgefundene Teil des Lehndorff-Archivs gelangte über das Staatliche Archivlager Göttingen in das Deutsche Zentralarchiv und wurde mit der Auflösung der Außenstelle Barby/Elbe 1991 dem Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz übergeben. Hier wurde er verkartet und der XX. HA (Historisches Staatsarchiv Königsberg), Rep. 54 Gutsarchive zugeordnet. Die Akten betreffen den Besitz in Ostpreußen und Familienbeziehungen, die Verwaltung der Gutswirtschaft, die Häuser in Königsberg und Berlin ebenso wie das militärische, politische und ökonomische Wirken der Familie vom 14. bis in das 20. Jahrhundert. Daneben gibt es einen noch nicht verzeichneten Rest an losem Schriftgut im Umfang von etwa einem Archivkarton.

 

Über die Bearbeiterin

 

Gaby Huch

Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

huch@bbaw.de

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