Gusow, 3. März 1873

Hochgeborene Frau!
Verehrte Frau Gräfin!

Mit Ihrem so gütigen Schreiben, mit welchem Sie mich beim Eingang in das neue Jahr beehrten und für welches ich hiermit meinen ganz ergebensten Dank ausspreche, bereiteten Sie mir eine außerordentliche Freude. Dass ich nicht eher darauf zu antworten mir erlaubte, wollen Frau Gräfin gütigst entschuldigen. Ich dachte, es wäre besser, wenn ich Ihnen gleich von dem Ende meiner schwierigen Lage, in die ich teils durch die Kriegsunruhe der Jahre 1870 und 1871, in denen ich mit der unglücklichen Prüfung beschäftigt war, teils durch persönliche und von dem Standpunkte einer allzu scharf zugespritzten Wissenschaftlichkeit aus geführte Gegnerschaft eines Herrn Professors geraten war, mitteilen könnte. Ich danke Euer Hochgeboren aufrichtig für die freundliche Teilnahme an meinem Leiden, wie ich Ihrem werten Briefe vom 30. Dezember vorigen Jahres in derselben so herzlichen Weise Ausdruck gegeben, und bin nun heute in der Lage, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass mir der Herr nun wieder die Freudenstunde hat schlagen lassen.  Baltzer war früher als Hauslehrer in der Familie Lehndorff tätig.
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Am 10. und 11. des Monats habe ich in Berlin meine Prüfung glücklich bestanden.
Dem Wunsche meines Vaters gemäß, bleibe in vorläufig in Gusow und habe Aussicht, sehr bald die Ordination als Hilfsprediger für Gusow und Patkow zu empfangen.

Mein lieber Vater ist trotz seines hohen Alters noch recht rüstig und munter. Der Herr hat ihn wunderbar gestärkt, dass er trotz der überaus schweren Zeit, die jetzt über unsere Kirche hereingebrochen ist, und trotz der vielen Arbeit in seinen beiden großen Gemeinden, mit Freudigkeit und frischem Mut sein Amt führt und ich so in ihm als einem treuer Seelsorger ein gar schönes Vorbild habe, meine Schwachheit an seiner Stärke sich aufrichtet und, soweit es angeht, ich in der Amtsführung da, wo seine Altersschwäche ihn hindert, ausreichend zu wirken, ergänzend und helfend eintreten kann.

Wie sehr Frau Gräfin von den gewaltigen Zeitbewegungen auch mitgerissen sein werden, kann ich mir wohl denken, und darum wage ich es, noch mit Wenigem darauf Bezug zu nehmen. Eine große Freude war es mir, dass auch aus Ostpreußen eine so helle Posaune für die Ehre des Sohnes Gottes ertönte, in der Königsberger Versammlung. Gerade in Ostpreußen, wo die Zahl bekenntnistreuer Prediger so klein ist, ist ein solches Zeugnis sehr wertvoll und seine Bedeutung ist nicht zu unterschätzen. Oh möchte in den Regierungskreisen wieder eine christliche Tapferkeit sich geltend machen, die ihre Ehre darin sucht, die Kirche Christi zu schützen! Freilich ist das nicht anders möglich, als bei einer Gesinnung, die die Knie beugt vor Jesu Christo dem Hochgelobten. Aber die Zeit, wo solche Gesinnung Fürsten und Minister beherrschte, liegt wohl weit in der Vergangenheit. Es sieht aus, als wollte der Allmächtige mit unserem Vaterland in ein Gericht gehen, dessen Ernst wir vielleicht nicht entfernt ahnen. Man bedarf wirklich jetzt eines starken Trostes, den allein Gottes Wort uns bieten kann. Ich befinde mich oft in einer Stimmung, in der die schönsten kräftigsten und durchschlagendsten Zeugnisse und Erklärungen, die man in der Kreuzzeitung und in Kirchenzeitungen lesen kann, doch nicht befriedigen. Ich glaube, es ist heilsam, in dieser Zeit gute Schriften frommer Männer früherer Zeiten zu lesen, die in schlechten Zeiten ähnliche Gerichtszeiten durchgemacht. Da fiel mir kürzlich ein schönes Buch in die Hände, das ich Frau Gräfin angelegentlich empfehlen kann: „Die ewige Ruhe der Heiligen‟, dargestellt von Richard Barxter (+ 1691; erlebte die schwere Zeit der großen kirchlichen und politischen Kämpfe in England). Es wurde dieses Werk zuletzt glaube ich 1833 aus dem Englischen übersetzt und erschien zu Berlin (1833) im Verlag von G. Eichler. Es trägt das Motto: „Es ist noch eine Ruhe vorhanden den Volke Gottes‟ Gebr. 4,9.

Zum Schlusse eilend bitte ich ergebenst, den Herrn Grafen und Gräfin Anna von mir zu grüßen, auch Comtesse Agnes, die sich meiner wohl noch erinnert, und besonders  Vgl. APO, Bestand 382 FA Lehndorff, Nr. 494, Bl. 22, ein undatiertes Fragment, gez. von Puttkamer, über die mögliche Einsegnung des Grafen Carol zum Osterfest. Ein längeres Zögern sei nicht sinnvoll, da er denke, er könne sich vieles erlauben, da er noch nicht eingesegnet sei. Er werde ihm beim Verständnis der christlichen Lehren behilflich sein und ihm den Ernst der Einsegnung begreiflich machen. Wenn Anna an Carol schreibe, möchte sie ihn zu „angestrengterem Fleiß und größerer Aufmerksamkeit“ ermahnen. Seine Arbeiten seien immer noch durch „Flüchtigkeit und wenig Lust“, „Zerstreutheit und Gedankenlosigkeit“ gekennzeichnet.
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Graf Carolo, meinen lieben teuren Schüler,
bitte ich recht herzlich zu grüßen.

Der treue Gott segne, erfreue und bescheine immerdar das ganze teure gräfliche Haus!

In vollkommenster Ehrerbietung und Hochachtung zeichne ich Euer Hochgeboren ganz ergebenster Fr. Baltzer