Preyl b. Wargen, den 1.1.1918

Euer Kaiserliche Hoheit!

Diesen Jahreswechsel, der uns die Entscheidung über unsere Zukunft bringt, will ich nicht vorübergehen lassen ohne Euer Kaiserl. Hoheit meine treuesten untertänigsten Glückwünsche zu sagen. Das neue Jahr wird uns den Sieg schenken; das darf nach der Entwicklung der Dinge wohl unser aller feste Überzeugung sein. Das wünsche ich Euer Kaiserl Hoheit für das neue Jahr, aber ich wünsche Euer Kaiserl. Hoheit auch, dass der Sieg ausgenutzt wird, dass nicht zum sicheren Niedergang Preußens und seiner Krone aus hysterischer Angst vor den Reichstagsschreiern, die sich als Stimmen des deutschen Volkes ausgeben, unter der Firma irrsinniger Phrasen (‟Selbstbstimmungsrecht der Völker‟), die unsere Feinde sich nur so weit zu eigen machen, als sie uns damit übers Ohr hauen wollen, auf die Früchte unseres Blutes verzichtet wird. Kraft nach innen und außen muss man für das neue Jahr unserer Regierung wünschen, vor allem nach innen, denn damit wäre die nach außen auch da! Unsere ganzen Vaterlandslosen Volksvertreter wissen ganz genau, dass durch die volle Ausnutzung eines Sieges und die dadurch bedingte Zufriedenheit des Volkes in der Zukunft, der monarchische Gedanke bei uns eine neue Stärkung erfahren würde! Deshalb der Widerstand dagegen und die unerhörte, nur bei uns geduldete Hilfe, die sie durch den Druck zum Verzichten unserer Feinde leisten. Mit dieser Art von Leuten zusammen werden die preußischen Könige nie regieren können! Es war daher völlig zwecklos und verderblich, sie für sich gewinnen zu wollen und ihnen zu diesem Zweck ein Stück der preußischen Krone nach dem anderen vor die Füße zu werfen wie es der Mann getan hat, der seinen König mit seiner eigenen verächtlichen Angst vor dem „Volke‟ erpresst hat! Aller angerichtete Schaden ist nicht wieder gut zu machen. Aber ein fester monarchischer Wille der Regierung kann wenigstens verhindern, dass nicht weitere Rechte der Krone abgetragen werden und wir nicht schwerer Gefahr für unsere Monarchie zusteuern! Wenn das erreicht werden soll, muss sich allerdings unsere Regierung wieder der Leute bedienen, die, wenn es nötig ist, mit ihrem Leben Staat und Krone erhalten wollen und nicht, wie der vorvorige Kanzler, glauben, mit denen zusammenarbeiten zu können, die der Krone als flaue Anhänger oder gar als grundsätzliche Gegner gegenüberstehen. Der Glaube, einen Scheidemann und Haase durch ängstliche Nachgiebigkeit zur monarchischen Mitarbeit bringen zu können, hat zur Macht dieser Sorte geführt! Statt unser Volk durch großzügige Aufklärung, wie sie in den anderen Ländern üblich ist, darauf hinzuweisen, wie viel besser in jeder sozialen Hinsicht es ihm unter seinen Königen geht als jedem anderen Volk, und ihm die für jeden Arbeiter bestehende Notwendigkeit weiter(?) Kriegsziele vor Augen zu führen, tut man nichts dergleichen und lässt der demokratischen Agitation ängstlich völlig freien Lauf. Statt den Verführern unseres aufopferungsvollen Volkes gegenüber fest an den Rechten der Krone und Regierung festzuhalten, lässt man die Vertreter der antimonarchischen Richtungen unverantwortlich Politik treiben und über die Zukunft der Monarchie mit entscheiden in Dingen, deren Entscheidung bei der Regierung liegt! Wenn man nur jetzt wenigstens diesen gemachten Fehler nach Möglichkeit abstellte und den unheilvollen Einfluss bei den Friedensverhandlungen energisch ausschaltete! Die weitesten Kreise des Volkes bis tief in die Arbeiter hinein würden dies billigen. Die Gefolgschaft der sozialdemokratischen und ihnen verwandten Abgeordneten ist lange nicht so groß und fest wie Bethmann und Genossen glaubten. Dazu ist der gesunde Sinn unseres Volkes noch viel zu rege. Es will sich auch seine Siege nicht verkümmern lasen, damit die paar sozialdemokratischen Schreier in der allgemeinen Verarmung und Unzufriedenheit später Seide spinnen! Man merkt das z. B. sehr deutlich hier auf dem Lande, wo ich ein paar Tage bin, an den schweren Enttäuschungen auch ganz links stehender Leute über unser verzichtvolles  Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk
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Auftreten in Brest-Litowsk
! Fast jeder hat Trauer im Hause. Er will seine Opfer nicht umsonst gebracht haben und weiß ganz genau, dass wir durch Verzicht den Frieden nicht einen Tag früher bekommen!

Leider scheint der Erzberger-Scheidemann-Haasesche Einfluss für die Verhandlungen in Brest keineswegs ausgeschaltet! Wenn man hört, dass unsere beteiligten Diplomaten zwischen den Verhandlungstagen zielbewusst sozialdemokratische Abgeordnete empfangen, so muss das nach den Erfahrungen bedenklich stimmen. Nur mit schwerer Sorge kann man auf die Verhandlungen in Brest blicken, und das tun wir an der Westfront auch, denen die baltischen Lande mit ihrem knorrigen Brauchtum lieb geworden sind wie das eigene Vaterland. Unser Verhältnis zum Grafen Czernin in Brest erinnert unwillkürlich lebhaft an die unselige Gefolgschaft Hardenbergs zu Metternich. Wenn wir nicht neben Litauen und Kurland Livland und Estland bekommen, und zwar so fest in die Hand (am besten als preußische Provinz, wie es die Kur-, Liv- und Estländer am liebsten wollen, was aber natürlich nicht erreicht wird), dass wir es wirtschaftlich nutzen können, so ist unser Ostfriede ein Misserfolg! Wir brauchen die Ostprovinzen als Ansiedlungsland unbedingt. Sie werden im Gegensatz zu allem, was wir im Westen eventuell bekommen, durch die Möglichkeit der Schaffung eines gesunden Bauernstandes und mit ihrem vorherrschenden starken Deutschtum immer eine feste Stütze für den monarchischen Gedanken sein! Daran muss man m. E. in der heutigen Zeit auch denken! Leider herrscht ja über die Verhältnisse in den Ostseeprovinzen bei den meisten, und wohl leider auch bei denen, die in Brest die Verhandlungen führen, völlige Unklarheit. Jeder fast, der aus Deutschland einmal zu unserer Armee kam, so z. B. auch Delbrück, der jetzt anscheinend in Petersburg gewichtig mitspricht, ist immer sehr erstaunt, die Ostseeprovinzen ganz deutsch zu finden und zu sehen, dass Mitau und Riga völlig deutsche Städte sind. Wenn diese Verhältnisse, die uns Ostpreußen natürlich schon vor dem Krieg geläufig waren,da wie viele Beziehungen nach den baltischen Landen haben, mehr bekannt wären, würde vielleicht noch mehr Interesse für diese Gebiete vorhanden sein. Ich hatte immer gehofft. Euer Kaiserl. Hoheit würden einmal einige Tage Zeit finden, um sich die Verhältnisse da oben einmal anzusehen. Es ist sehr bedauerlich, dass es dazu nie gekommen ist. Kaiserl. Hoheit wären in Riga von der Bevölkerung begeistert empfangen worden und hätten einen bleibenden tiefen Eindruck mitgenommen. „Vor der Weltgeschichte wäre es nicht zu verantworten,‟ um ausnahmsweise mit Bethmann zu reden, wenn wir diese Deutschen alle, die auf ihre Befreiung von russischer Herrschaft seit 500 Jahren hoffen, die deutscher fühlen als zahllose Reichsdeutsche, jetzt sitzen ließen, wo wir die Möglichkeit haben, sie zu befreien und uns anzuschließen ohne Blut zu vergießen! Bei Russland bleiben die Ostseeprovinzen jetzt bei der allgemeinen Auflösung keinesfalls. Nehmen wir sie nicht, so müssen sie, an Deutschland verzweifelnd, Anschluss an England suchen. das ist allen Balten klar. Dann haben wir England am Rigaischen Meerbusen! Dem Russen liegt an den Ostseeprovinzen tatsächlich wenig, weil er sie immer als Fremdland angesehen hat. Von jedem russischen Soldaten konnte man hören: „Warum sollen wir Land verteidigen, das nicht Russland, sondern deutsch ist?‟ Die Ideen vom späteren „casus belli‟ und Revanchegelüsten der Russen wegen der Ostseeprovinzen sind für jeden Kenner Russlands Hirngespinste! Vor dem zaghaften, verzichtversprechenden Auftreten unserer Delegation in Brest hat kein vernünftiger Russe an die Möglichkeit des Verbleibens des Baltenlandes bei Russland gedacht. Unsere strikte Forderung der Herausgabe erschien jedem Russen sicher. Das wissen wir aus unzähligen Gesprächen mit russischen Offizieren, aus den Äußerungen herübergekommener Balten etc. Wir alle bei der 8. Armee sind der festen Überzeugung, dass die Russen Liv- und Estland beräumt hätten, wenn wir dieses als Bedingung für den Waffenstillstand gefordert hätten. Man muss bedenken, dass die russische Desorganisation, die letzten Endes eine Folge unserer Siege und russischer Niederlagen ist, so weit vorgeschritten ist, dass Russland Frieden schließen muss, dass ferner die Bolschewiki-Regierung, wenn sie sich halten will, dem Volk sofortigen Frieden bieten muss! Dieser günstigen Lage im Osten standen unsere Friedensunterhändler gegenüber! Wenn man dagegen ihr Auftreten in Brest hält, kann man sich als Deutscher eines tiefen Schandgefühls nicht verwehren! Beabsichtigen tun sie ja offenbar, die Ostseeprovinzen zu erhalten, auf Grund des „Selbstbestimmungsrechts der Völker‟, da eine feste bestimmte Forderung nicht gesagt wird. Dazu gehört aber, dass sie die Russen, die noch dazu jetzt in der Verhandlungspause sicherlich von Buchanan beraten werden, und die unnational empfindenden Schreier unserer „Reichstagsmehrheit‟ einwickeln! Dass dieses unseren Diplomaten gelingen sollte, muss mehr als zweifelhaft erscheinen! Wer je mit Russen etwas zu tun gehabt hat, weiß, dass ihre slawische Natur nur die Kraft und Sicherheit achtet und jede Schwäche und Unsicherheit sofort erkannt uns ausnutzt, dass sie klein werden, wenn man ihnen groß gegenüber tritt und sofort groß, wenn man klein vor ihnen steht. Unsere Abordnung handelt nach dem entgegengesetzten Prinzip. Dieses Angeln nach der Gunst der Bolschewiki, indem ihnen würdelos vor Augen geführt wird, dass wir in unserer Monarchie ihre Ideen eigentlich teilten, ist so typisch für unsere ganze bisherige Außenpolitik, dass man den Eindruck gewinnen muss, dass unsere OHL leider auf die Verhandlungen doch nicht den Einfluss ausüben kann und darf, den man erhoffte! Der Russe wird längst gemerkt haben, dass wir zaghaft sind, und dass ihre „deutschen‟ Helfer bei uns im Lande Einfluss auf die Verhandlungen haben. Danach wird seine Haltung unseren Forderungen, wenn man unsere verschämten Anregungen so nennen darf, gegenüber einrichten. Wenn unser Auftreten nicht zum Misserfolg führt, so muss es jedenfalls den Erfolg sehr erschweren! Am 4. beginnen nun wieder die Verhandlungen. Man muss die Hoffnung nicht aufgeben und sich die eines sehr trefflichen livländischen Balten zu eigen machen, der von Berlin an seine Frau nach Riga so schrieb: „Um die Zukunft unsere geliebten Landes sieht es düster aus! Aber ich hoffe noch, indem ich mehr auf die Dummheit unserer russischen Feinde als auf die diplomatische Energie unserer deutschen Freunde hoffe! Gott helfe uns!‟

Verzeihen Euer Kaiserl. Hoheit den langen Brief! Er ist viel länger geworden als er sollte. Aber Euer Kaiserliche Hoheit werden es entschuldbar finden, wenn einen altpreußischen Edelmann, dessen Väter als Helfer ihrer Königs Preußen mit groß und die Krone stark gemacht haben, die schwerte Sorge um diese Güter beherrscht, die uns am höchsten stehen, angesichts des Kurses, den wir steuern! Möge die Krone im neuen Jahre besser beraten werden als im alten!

In alter Treue verbleibe ich Euer Kaiserlichen Hoheit untertänigster Manfred Lehndorff