Berlin,   Unleserliche Stelle [...] Nr. 30 auf dem Hof im Keller, 27. September 1885

Hohzuverehrender Herr!
Hochwohlgeborener Herr!

Euer Hochwohlgeboren wollen Hochgeneigtest verzeihen, dass ich mir erlaube, Ihnen beigehend unter Kreuzband Exemplar einer vor mir verfassten kleinen Schrift: „Hofprediger Stoecker - seine Feinde und sein Prozess“ zur geneigten Einsicht zuzusenden.

Ich bin Mitglied der christlich-sozialen Partei und des Deutschen Antisemitenbundes. Von vielen Seiten dazu angeregt, habe ich diese Broschüre zu dem Zwecke geschrieben, um dieselbe an Glaubensgenossen und an die Verehrer und Freunde des Herrn Stoecker zu verkaufen, um damit eine Kleinigkeit verdienen zu können. Ich bin durch jüdische Wucherer um mein erworbenes kleines Vermögen gekommen und bin nun schon längere Zeit ohne Erwerb und Stellung.

Wenn Euer Hochwohlgeboren die Güte haben, mir ein Exemplar abzukaufen und mir gütigst den kleinen Betrag (60 Gr.) in Briefmarken senden würden, so würden Sie damit meiner armen Familie, der es früher sehr wohl ging, aber durch die Wucht der Verhältnisse in eine schwierige Lage gekommen, eine Wohltat erweisen.

Der Herr Stadtverordnete   Unleserliche Stelle [...] in Berlin würde gern über mich und meine Verhältnisse Auskunft erteilen.

Das Büchlein sollte von jedem Verehrer des Herrn Hofprediger und von jedem Gesinnungs- und Parteigenossen empfohlen und gekauft werden, da das Schriftchen alle von jüdisch-fortschrittlicher Seite gegen Herrn Hofprediger Stoecker erhobene Beschuldigungen widerlegt.

 Zweimal gibt, wer schnell gibt.
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Bis dat quic cito dat!

Vielleicht hätten Herr Hochwohlgeboren die Güte, mir den kleinen Betrag, wenn es möglich sein würde, bis Donnerstag den 1. Oktober zu senden. Nur bis zu diesem Tage hat mir mein Hauswirt Frist gegeben, da ich die Miete von zwei Monaten wegen Stellenlosigkeit nicht entrichten konnte. Ich könnte das Äußerste für meine Familie verhüten.

Es zeichnet Euer Hochwohlgeboren gehorsamster Diener J. J. Orandt