Kiel, den 8. Mai 1851

Hochgeborener Herr Graf
Hochgeehrter Herr Landhofmeister

Euer Hochgeboren wollen mir gestatten, mich, nachdem ich bei meiner zu kurzen Anwesenheit in Königsberg mich persönlich Ihnen vorzustellen vergebens bemüht gewesen bin, mit den Anliegen, welche ich an Sie hatte, schriftlich an Ihre Güte wende. Ew. Hochgeboren sind einer der wenigen, die noch Zeugnis geben können von den großen Vorgängen im Januar und Februar 1813, und gerade Sie haben wie wenige in dem Mittelpunkt der wichtigsten Ereignisse gestanden.

Ich würde nicht wagen, Ew. Hochgeboren mit meinen Fragen und Bitten zu belästigen, wenn es sich nicht um die glorreichste Zeit der Geschichte der Monarchie und namentlich Ostpreußens handelte, die, nachdem sie solange mit halber Wahrheit erzählt und oft in ihren wichtigsten und großartigsten Momenten verkürzt und geflissentlich abgeschwächt worden, endlich einmal ihrer vollen Bedeutung nach dargestellt werden muss und es nur werden kann, wenn das Zeugnis der noch Lebenden dem schriftlich vorliegenden Material zu Hilfe kommt. Und dem Kundigen mag die Äußerung verziehen werden, dass Ew. Hochgeboren Namen in wichtigsten Momenten mit zu nennen ist.

Zunächst muss ich mich anklagen, dass in dem schon veröffentlichten Teil der Yorckschen Biographie der Anteil nicht erwähnt ist, den Ew. Hochgeboren am 30/31 Dezb. 1812 in Tilsit an den Entschließungen Massenbachs gehabt haben.  Vgl. Rühl, Briefwechsel, S. 224. Nach Schultze, Lebensbild, S. 323 f., war Droysen durch Schön am 22. März 1851 über die Vorgänge 1812 und den Anteil Lehndorffs in Kenntnis, ignorierte die Berichte Schöns jedoch für seine Darstellung.
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Erst in den letzten Wochen bei meiner Anwesenheit in Arnau erhielt ich einige Notizen darüber,
die mir den Wunsch rege machen, von Ew. Hochgeboren selbst genauere Angaben zu erhalten. Dies umso mehr, da eine wahrscheinlich bald nötige zweite Auflage des ersten Teils der Yorckschen Biographie mir Gelegenheit geben würde, mein Versäumnis zu verbessern.

 Siehe das Dokument vom 18. Januar 1813.
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Über Ew. Hochgeboren Reise nach Lyck um den 20. Jan. zur Begrüßung des russischen Kaisers liegt mir Dero eigenhändiges und höchst anziehendes Schreiben an Präsident Schön vor.
Im besonderen Maße wichtig sind mir die Bemerkungen, die dasselbe über Freiherrn vom Stein und dessen Tendenzen enthält. Es würde mir von höchstem Interesse sein, wenn Ew. Hochgeboren mir, vielleicht aus Ihren Korrespondenzen und Tagebüchern jener Zeit sowie aus der Erinnerung, Genaueres über diese Dinge mitzuteilen vermöchten.

Dann folgen jene unvergleichlichen Tage der ständischen Versammlung in Königsberg. Ew. Hochgeboren waren bei jedem bedeutenden Vorgang derselben, bei jeder wichtigsten Kommission unmittelbar tätig. Dass es doch möglich wäre, genau alle die Vorgänge zu konstatieren, die damals sich mit durch Sie und unter Ihren Augen machten. Wie wenig reichen da die öffentlichen Aktenstücke aus. Ja, ihnen gegenüber möchte man sagen, dass das Wichtigste und Entscheidende außerhalb ihrer ist. Die Privatbesprechungen, die Bedenken her und hin, die Vermittlung zwischen den scharf gegeneinander stehenden russischen und preußischen Ansichten, zwischen Stein auf der einen, Yorck und Auerswald auf der anderen Seite, kurz alles das, was die in den Akten vorliegenden Resultate erst ermöglichte, können nur Ew. Hochgeboren u. Minister v. Schön aufklären. Und jede weitere Aufklärung mehr zeigt, in wie hohem Grade ehrenhaft, patriotisch und besonnen damals Ostpreußens Stände verfuhren. Ja gestatten Ew. Hochgeboren mir hinzuzufügen: Der Adel Ostpreußens hat damals eine Hoheit der Gesinnung und eine Kraft des Handelns bewährt, dass man darauf hinweisen darf, als auf ein Musterbild wahrer und würdiger Aristokratie. Auf die Gefahr hin, Ew. Hochgeboren mit zudringlicher Bitte lästig zu werden, wage ich es, Sie inständig um Erläuterung und Mitteilung vor allem über diese Dinge zu bitten; ich beklage es, dass mir nicht das Glück geworden, Ew. Hochgeboren persönlich nach diesem und jenem zu fragen, ich weiß, wie viel leichter und rascher sich erzählen als schreiben lässt, aber ich wage zu hoffen, dass das große geschichtliche und patriotische Interesse, welches an den genannten Dingen haftet, meine Bitte bei Ew. Hochgeboren befürworten wird.

Ich brauche nicht erst hinzuzufügen, wie lehrreich und dankenswert mir jede weitere Nachricht aus dem dann folgenden glorreichen Kriege sein wird, an dem Ew. Hochgeboren mit dem National-Kavallerie-Regiment einen so glänzenden Anteil genommen haben. Wenn ich meine Bitte um dero gewogentliche Nachsicht wiederhole, habe ich die Ehre in aufrichtiger Verehrung und Ergebenheit zu unterzeichnen

Ew. Hochgeboren ganz gehorsamster Joh. Gust. Droysen Prof.

Zitierhinweis

Johann Gustav Droysen an Carl Friedrich Ludwig Graf von Lehndorff. Kiel, 8. Mai 1851. In: Lebenswelten, Erfahrungsräume und politische Horizonte der ostpreußischen Adelsfamilie Lehndorff vom 18. bis in das 20. Jahrhundert. Bearbeitet von Gaby Huch. Herausgegeben an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Berlin 2019. URL: lebenswelten-lehndorff.bbaw.de/redirect.xql?id=lehndorff_hvq_hx3_wcb