Schloss Pichomay, den 25. IX. 1817

Meine herzensliebe Mutter!

Zurückgekehrt von einer recht sehr interessanten Reise in der Schweiz - die ich seit meinem letzten Briefe an Sie gemacht -, ist es mir süß, Ihnen von meiner weiteren Lebensgeschichte Kunde zu geben, und meiner teuren Mutter meine Lebensangelegenheiten zu vertrauen:  Vgl. GStA PK, XX. HA, Rep. 54 Gutsarchiv Lehndorff-Steinort, Nr. 677 und 678: Reisen Carl Friedrich Ludwig Graf von Lehndorffs in die Schweiz und nach Frankreich 1816/17.
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Zuerst von meiner Reise.
Lange schon war ich lüstern, ein Land kennenzulernen, wovon so viele Menschen - mit mehr oder weniger Begeisterung nach ihren Ansichten und Gefühlen - doch alle mit Bewunderung sprechen, und wo Gottes Werke, die ich liebe, sich so groß aussprechen.

Die nach der Königlichen Revue eingetretene militärische Ruhe in meinem Geschäftskreis ließ mir die Muße dazu und mein gegenwärtiger vorteilhafter finanzieller Standpunkt die Mittel. So habe ich denn das schöne, an Naturherrlichkeiten so reiche Helvetien kennengelernt.   Editorische Auslassung [...]

Wie ist es denn mit dem gewissen Präsent des Königs an die Preußischen Gutsbesitzer von den verschiedenen Millionen geworden, worüber vorigen Winter so viel Redens war? Sind sie ausgezahlt worden, haben sie etwas geholfen?  Vgl. in: GStA PK, XX. HA, Rep. 54 Gutsarchiv Lehndorff-Steinort, Nr. 777 den Briefentwurf Lehndorffs an König Friedrich Wilhelm III. betr. Durchführung einer Geldsammlung für durch den Krieg in Not geratene Güter (1807) und Nr. 776, die Beantragung einer Finanzhilfe für die Lehndorffschen Besitzungen aus dem Hilfsprogram der preußischen Regierung für die durch den Krieg von 1806/07 besonders in Mitleidenschaft gezogenen Güter (1815/16).
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Es scheint nicht, nach dem Stande der landschaftlichen Obligationen zu urteilen, und hat Heinrich etwas bekommen?

Im Folgenden schreibt er über „Termo Lampen“, die in Paris als neue Erfindung angepriesen worden waren, und die er ihr geschickt hatte. Sie seien auf dem Transport liegen geblieben und verdorben, nun gäbe es sie auch in Berlin und er werde sich vorbehalten, „auf den Sommer dieses fameuse Kunstwerk auch nach meinem werten Vaterlande zu verpflanzen, wenn es nicht vielleicht schon dort Wurzel gefasst haben sollte.“ Auf der Revue habe er das „Kommandeur-Kreuz der Ehrenlegion“ durch den französischen König erhalten. Wofür? Das mag Gott wissen. Vor Zeiten war es eine vornehme Dekoration und Napoleon gab diese Klasse gewöhnlich nur Generallieutenants - seitdem Er aber vor die Hunde gegangen, ist auch der Orden im Werte gesunken. Ich bin überhaupt kein großer Ordensjäger, bin aber besonders über diesen in Sünden und Missetat erzeugten und geborenen gar nicht flattiert. Wie doch die Sachen wunderbar gehen in der Welt.  Vgl. das Dokument vom 29. September 1817.
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Wer hätte noch 1812 gedacht, dass ein preußischer Obrist für gute Mannszucht bei einer Okkupationsarmee in Frankreich Legions-Ritter werden würde!
  Editorische Auslassung [...]

Grüßen Sie alle meine Lieben, besonders meinen guten Heinrich. Wie geht es ihm in seiner Wirtschaft? Können Sie nicht machen, dass er heiratet? Da wäre mir ein rechter Stein vom Herzen.

Treu Ihr Carl Lehndorff