Betrifft das Mädchenwaisenhaus in Rosengarten, Kreis Angerburg.
Ohne Erlass.
Berichterstatter: Regierungsrat Rothe.
Mitberichterstatter. Regierungsrat Graff.
 Die nachfolgend genannten Anlagen liegen der Akte nicht bei.
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Anlagen:

A. Ein Heft hiesige Vorgänge
B. Beglaubigte Abschrift der Stiftungsurkunde für das Waisenhaus zu Rosengarten

In Rosengarten, Kreises Angerburg, besteht seit dem Jahre 1868 ein evangelisches Mädchenwaisenhaus, das von dem Hauptverein des Vaterländischen Frauenvereins in Berlin und der verstorbenen Gräfin Lehndorff-Steinort ursprünglich für die Waisen der bei den Typhus- und Cholera-Epidemien in der hiesigen Provinz Ausgang der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gegründet war. Später wurden in das Waisenhaus auch Zwangszöglinge aufgenommen und  Das „Gesetz über die Fürsorgeerziehung Minderjähriger vom 2 .Juli 1900 nebst Ausführungsbestimmungen vom 18. Dezember 1900, Berlin 1900‟, in: LASA, StA L, Bestand 21950 FA Lehndorff, Nr. 473.
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nach Inkrafttreten des Fürsorge-Erziehungsgesetzes vom 2. Juli 1900
war die Mehrzahl der Waisenhauskinder Fürsorgezöglinge.

Die Kinder wurden vom 6. Jahre ab in das Waisenhaus aufgenommen, blieben dort noch über die Konfirmation hinaus ein Jahr und wurden dann in Dienststellen untergebracht, wo sie noch einige Jahre lang von der Anstalt aus überwacht wurden. Die Anstalt trug und trägt noch jetzt einen familienartigen Charakter, da sie nur für einige 20 Zöglinge eingerichtet ist.

Zur Erreichung der Anstaltszwecke diente ein Grundstück von etwa 7 Morgen und einige Gebäude, die auf den Namen des Vaterländischen Frauen-Vereins in Berlins ins Grundbuch eingetragen sind, außerdem milde Gaben und die für die Kinder entrichteten Pflegegelder. Dazu hatte die Gräfin Lehndorff-Steinort der evangelischen Kirchengemeinde Rosengarten im Jahr 1894 ein Kapital von 23.000 M mit der Bestimmung vermacht, die Einkünfte daraus nur für das Mädchen-Waisenhaus zu verwenden. Außerdem hatte die im Jahre 1893 in Lötzen verstorbene Frau Lina Borkmann geb. Raphael das Mädchenwaisenhaus in Rosengarten zu ihrem Erben eingesetzt, und da das Waisenhaus im Grundbuche von Rosengarten als Eigentum des Hauptvereins des Vaterländischen Frauenvereins zu Berlin eingetragen war, wurde dieser Hauptverein formell als der im Testament eingesetzte Erbe angesehen und daher auch für ihn die Allerhöchste Genehmigung zur Annahme der Zuwendung erwirkt (Anlage A Bl. 49 ff. Bericht des Polizeipräsidenten zu Berlin vom 11. Mai 1894 I. B. 2226 und dortiger  Bericht und Erlass in: GStA PK, I. HA, Rep. 77 B, Nr. 680, n. f.
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Erlass vom 26. Juni 1894 I. B. 4822
).

Die Regulierung dieser letzterwähnten Erbschaft begegnete jedoch insofern erheblichen Schwierigkeiten, als der Grundbuchrichter die Umschreibung der in Frage kommenden Hypothekenforderungen sowohl auf den Namen des Vaterländischen Frauenvereins in Berlin als auch auf den des Mädchenwaisenhauses in Rosengarten ablehnte, weil Letzteres nicht die Rechte einer juristischen Person hatte und für die Ersteren nicht nachgewiesen war, dass das Mädchen-Waisenhaus ihm unterstellt war.

Die dem Waisenhaus aus dem Borkmannschen Testament zugefallene Erbschaft beträgt zurzeit 6.950 M. wovon nach Auszahlung von Hypothekenforderungen 5.750 M bei der hiesigen Regierungshauptkasse hinterlegt und 2 Hypotheken über 750 M und 450 M auf die Grundstücke Willkassen No. 126 und No. 71 eingetragen sind. Die betreffenden Hypotheken-Dokumente befinden sich in Gewahrsam des Justizrats Koch in Lötzen, des Sachverwalters des noch lebenden Ehemanns Borkmann. Den Nießbrauch der gesamten Summe von 6.950 M hat der Borkmann stets ungestört gehabt. Borkmann ist jetzt 82 Jahre und lebt in Nordenort in auskömmlichen, wenn auch bescheidenen Verhältnissen. Aus der Ehe mit der Erblasserin sind keine Kinder vorhanden, sondern nur aus erster Ehe eine verheiratete Tochter, deren Ehemann im Irrenhaus lebt. Diese Tochter hat zwei Töchter von 14 und 15 Jahren, ist gesund und arbeitsfähig und lebt mit dem Vater zusammen. Bei dessen Tode wird sie ein Vermögen von 7.050 M erben.  Am 18. Mai 1903 schloss Borkmann mit dem Waisenhaus einen Vergleich, demzufolge er „nunmehr auf die ganze Erbschaft zugunsten des Waisenhauses unter der Bedingung (verzichte), dass ihm bis zu seinem Lebensende ein Kapital von 6.500 Mark mit 4 Prozent verzinst sowie die Einziehung der Zinsen von der auf dem Grundstück Willkassen Bl. Nr. 71 eingetragenen Hypothek von 450 Mark überlassen werde“, in: GStA PK, I. HA, Rep. 76 VII neu Sekt. 3 A Teil IV, Nr. 10, n. f.
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Borkmann hat außerdem nur noch eine verwitwete Schwester, die in völlig auskömmlicher Lage sich befindet
.

Das Waisenhaus in Rosengarten ist nun jetzt genötigt, umfangreiche Bauten auszuführen. Die alten Gebäude sind so unzweckmäßig angelegt und so baufällig, dass der Landeshauptmann der Provinz dem Waisenhaus nicht eher wieder Fürsorgezöglinge überweisen will, als bis die Wohngebäude zum Teil neu gebaut worden sind. Das erforderliche Baugeld will der Landeshauptmann aus der Provinzialhilfskasse hergeben. Der Vaterländische Frauenverein in Berlin kann und will keine Mittel zum Neubau bewilligen, hat sich aber dem Waisenhausvorstand gegenüber bereit erklärt, auf die Rückzahlung der seinerzeit für das Waisenhaus bei der Gründung aufgewendeten Beträge zu verzichten und darein zu willigen, dass die Grundstücke und Gebäude im Grundbuch von seinem Namen auf den einer selbständigen Stiftung „Waisenhaus Rosengarten“ umgeschrieben werden, wenn der Vorstand des Waisenhauses zu einer selbständigen Stiftung gestalten würde.

Das Waisenhaus trug bisher einen privaten Charakter und konnte als eine Einrichtung des Vaterländischen Frauenvereins angesehen werden; es gab keine Statuten und auch keinen eigentlichen Vorstand. Der ursprüngliche Vorstand bestand aus der Mit-Stifterin, der Gräfin Lehndorff-Steinort, dem Pfarrer von Rosengarten und einem Pächter des Lehndorffschen Gutes Taberlack. Nach dem Tode der Gräfin Lehndorff im Jahre 1894 und dem Abgang des Pächters führte der Pfarrer von Rosengarten allein die Verwaltung des Waisenhauses, ein Zustand, an welchem sich bis jetzt nichts geändert hat, zumal der jetzige Majoratsherr Graf Lehndorff-Steinort kein Interesse an dem Waisenhaus bewies und in Vermögensverfall geriet, so dass sie Lehndorffsche Begüterung schließlich unter die, noch jetzt bestehende, landschaftliche  Diese bestand seit 1896.
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Zwangsverwaltung
kam.

Um nun in die ungeordneten Verhältnisse Klarheit zu bringen und dem Waisenhaus neue Lebensfähigkeit zu verschaffen, haben die vereinigten Gemeindeorgane der Kirchengemeinde Rosengarten, darunter auch der bisherige Vertreter des Waisenhauses, Pfarrer Junkuhn in Rosengarten, beschlossen, die der Kirchengemeinde von der verstorbenen Gräfin Lehndorff-Steinort vermachten 23.000 M für eine selbständige Waisenhausstiftung unter dem Namen; „Gräflich Lehndorffsches Mädchen-Waisenhaus zu Rosengarten“ zu stiften. Die über die Stiftung aufgenommene Urkunde vom 12./14. Februar cr. (Anlage B) enthält zugleich die statuarischen Bestimmungen für die Stiftung und hat nach Form und Inhalt die Zustimmung des Konsistoriums in Königsberg gefunden (Anlage A Bl. 1 ff. 20 ff.).

Demgemäß bitte ich Euer Exzellenz,  Auf Grundlage der Stiftungsurkunde vom 23. April 1904 wurde die Stiftung unter dem Namen „Gräflich-Lehndorffsches Mädchenwaisenhaus zu Rosenharten“ durch Allerhöchsten Erlass, datiert Swinemünde, an Bord der „Hohenzollern‟, den 9. August 1904 , genehmigt, in: GStA PK, I. HA, Rep. 76 VII neu Sekt. 3 A Teil IV, Nr. 10, n. f.
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die Allerhöchste Genehmigung zu der Stiftung und der Stiftungsurkunde erwirken zu wollen.
Durch diese Genehmigung wird die Stiftung rechtsfähig, wird in die Lage versetzt, ein Provinzialhilfskassendarlehen aufzunehmen, wird nach der Vereinbarung mit dem Vaterländischen Frauenverein demnächst eingetragene Eigentümerin der Waisenhausgrundstücke und wird schließlich auch unschwer in den Besitz des Borkmannnschen Nachlasses gelangen. Die Stiftung der ursprünglich der Kirchengemeinde Rosengarten seitens der Gräfin Lehndorff vermachten 23.000 M liegt vollständig im Sinne der Erblasserin, und nur auf solche Weise wird es möglich werden, ein lebensfähiges Waisen- und Erziehungshaus zu schaffen.

 Der Innen- und der Kultusminister trugen „Bedenken   Editorische Auslassung [...] die landesherrliche Genehmigung zu erwirken“, wie sie, Berlin 10.12.1903, dem Regierungspräsidenten mitteilten, da „„nach § 2 der Stiftungsurkunde vom 12. Februar d. Js. in dem Waisenhause neben Waisenkindern auch sittlich vernachlässigte oder gefährdete Mädchen“ erzogen werden sollten. „Bei einer solchen gemeinschaftlichen Erziehung besteht die Befürchtung einer sittlichen Gefährdung der Waisenkinder durch die Fürsorgezöglinge.“ Man sollte sich entweder für Waisenkinder oder für Fürsorgezöglinge entscheiden. In: I. HA, Rep. 77 B Nr. 680, n. f. Zum weiteren Vorgang ebd. und in Rep. 76 VII neu Sekt. 3 A Teil IV, Nr. 10, n. f.
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Die in der Angelegenheit hier entstandenen Vorgänge werden mit Bitte um Rückgabe nebst einer beglaubigten Abschrift der Stiftungsurkunde der neuen Stiftung beigefügt
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i. V. Schicken(?)