Berlin, den 25. März 1855
Churmärkisches Landschaftshaus
Spandauer Str. N. 59

Hochgeborener Herr Reichsgraf!
Hochzuehrender Herr Geheimer Legationsrat!

Ew. Hochgeboren für mich so schmeichelhaftes Schreiben habe ich am Sonntag zu empfangen die Ehre gehabt und sage für das mir bewiesene Zutrauen den allerbesten Dank. Die von Ew. Hochgeboren mir gestellte Aufgabe habe ich vollkommen aufgefasst und mich sofort bemüht, von dem mir nahe stehenden Herren Justizrat Dr. Strass noch einige nähere Informationen einzuziehen. Nach einigen vergeblichen Zeugen, durch welche Ew. Hochgeboren auch die Verzögerung dieses Schreibens entschuldigen wollen, habe ich von dem genannten Herrn die Zusage erhalten, mir seine Manualakte nach einigen Tagen mitzuteilen, so dass ich denn demnächst an die erforderliche Korrespondenz gehen kann, wenn nicht schon ein hiesiger glücklicher Fund aus dem mir bekannten reichhaltigen Material der Königlichen Bibliothek und des Geheimen Staats- und Kabinettsarchivs, in welchem ich als verpflichteter Hilfsarbeiter Zutritt habe, eine der erwünschten Resultate erzielen lässt. Insbesondere hoffe ich auch durch die Unterstützung und Bereitwilligkeit eines meiner hiesigen Gönner, des Herrn Geheimen Rats von Lancizolle aus dem für die Gräflich Schmettausche Familie bedeutenden Provinzialarchiv Schlesiens Nachricht zu erhalten, namentlich aber aus den reichen genealogischen Quellen der genannten Bibliothek und der Sammlung des Johanniterritters Ehrenfels im Staatsarchiv, welche mir zur Benutzung frei stehen, schöpfen zu können, ob mit Glück und Erfolg kann ich freilich jetzt schon, wo ich es vorerst für meine Pflicht halte, Ew. Hochgeboren neben meiner Dankbarkeit für Ihren mich ehrenden Auftrag meine Bereitwilligkeit und lebhaftem Eifer zur Ausführung desselben zu versichern, noch nicht sagen. Wenigstens wollen Ew. Hochgeboren überzeigt halten, dass alles geschehen soll, was noch in meinen Kräften steht, Bemerken darf ich wohl nicht, dass ich bei Betreibung der Angelegenheit dieselbe als Sache meiner genealogischen Wissbegier nach außen hin darstellen werde, weil ich so hoffe, manche Nachrichten nicht zurück gehalten zu sehen. Vielleicht, dass auch Zirkulare an die reformierte Geistlichkeit Schlesiens und der Mark, die noch nicht versucht zu sein scheinen, einen glücklichen Erfolg nach sich ziehen. Von des Herrn Grafen Dönhoff Exzellenz, welche mich vor 8 Tagen mit einer Einladung beehrt hatten, habe ich noch einige nähere Fingerzeige erhalten. So wünsche ich denn aufrichtig, bei diesem Unternehmen mich desselben Erfolge erfreuen zu können, den ich bei ähnlichen Recherchen - freilich nach vieler Mühe - erzielte und werde ich nicht unterlassen, Ew. Hochgeboren von Zeit zu Zeit von der Lage der unternommenen Nachforschungen ausführliche Kenntnis zu geben.

Ew. Hochgeboren lebhaftes Interesse an der Geschichte und den Taten der ritterlichen Vorfahren Ihrer eigenen Familie, welches die Frau Gräfin Dönhoff Exzellenz vollkommen teilt, hat mich mit ehrfürchtiger Freude erfüllt, um so mehr, als auch ich, von den geheimnisvollen Anfängen Ihrer Geschichte, die in eine viel frühere Zeit, als die des Beginns der bekannten Stammbäume derselben reicht, angezogen, die Urgeschichte des Lehndorffschen Geschlechts und die Beweisführung, dass der Stamm des Siegers vor Wien auf dem heimatlichen Boden Preußens erwuchs, zum Gegenstand genauer und kritischer Forschung mit besonderer Vorliebe gemacht habe. Wenn Ew. Hochgeboren es nicht ungern sehen, soll bei einiger Muße in meiner jetzt freilich noch sehr beanspruchten zeit bald ein längerer Aufsatz hierüber in den Preußischen Provinzialblättern jene,m Resultate meiner Forschungen an den Tag legen.

Es ist die vorzüglichste Hochachtung, mit der ich die Ehre habe mich zu nennen
des Herrn Reichsgrafen und Geheimen Legationsrats! ganz ergebenster

G. A. v. Mülverstedt