Wohnsdorf, 24. August 1906

Sehr geehrter Herr von Studt,

Ihr so liebenswürdiges Erhören meiner damaligen Bitte in Bezug auf ein Stipendium für Fräulein Taube ermutigt mich zum erneuten Aussprechen meines Wunsches, der auch mir sehr am Herzen liegt. Pfarrer Junkuhn aus Rosengarten hat eine Eingabe um Bewilligung einer Bauhilfe für das Rosengarten Waisenhaus in das Kultusministerium gesandt; dieses Waisenhaus ist von meiner Mutter einst begründet. Sie hielt es in kleinerem Rahmen, weil sie es so wichtig fand, dass bei der Erziehung von Mädchen der Charakter des Familienhaften gewahrt bliebe und das einzelne Kinde nicht nur als Nummer figuriert. Das alte Haus ist baufällig geworden. Es soll kein Prachtbau aufgeführt werden, der nur die Kinder verwöhnt, so dass sie sich nachher in Instmannshäusern nicht mehr wohl fühlen, aber ein sicheres und gesundes Haus muss entstehen. Wir haben nicht Geld genug zum Neubau und es wäre mir ein großer Schmerz, wenn diese Anstalt, die soviel verkommene halbe oder ganz-Weisen im Lauf der Jahre zu ordentlichen einfachen Dienstmädchen erzogen hat, nun aufhören müsste. Ich vereinige meine Bitte um eine Beihilfe mit der des treu, selbstlos und praktisch für die Anstalt sorgenden Pfarrers Junkuhn und vor allem in Erinnerung an meine geliebte Mutter, der dies Haus am Herzen lag. Bitte bereuen Sie nicht Ihr liebenswürdiges Eingehen auf meine Wünsche, was nicht so unbescheiden macht, sondern glauben Sie, verehrter Herr von Studt, an die herzliche Dankbarkeit Ihrer ergebenen

Freifrau von Schrötter geb. Gräfin Lehndorff