Posen, 1. Juni 1893

Hochgeborene gnädigste Frau Gräfin!

Herr Landrat Dr. Beckmann teilte mir mit, dass Sie und der Herr Graf, Ihr Sohn, freundlichst mir anbieten, während der Zeit meiner persönlichen Wahlagitation für einige Tage in Ihrem Hause Aufenthalt zu nehmen. Ich nehme ihre gnädige Einladung mit Dank an, wie ich in jedem Falle angefragt haben würde, ob Sie mir gestatten, Ihnen aufzuwarten.

Leider ist mir noch nicht möglich zu übersehen, für welche Zeit ich um Aufnahme bitten werde. Ich treffe am Sonntag den 4. mit dem Mittagszug in Lötzen ein und denke alsdann bald mit den Herren Landräten von Byla und Dr. Beckmann in weitere Beratungen über meine Reise zu treten.

Wenn ich, gnädigste Frau Gräfin, auch sehr lange nicht die Ehre hatte, mit Ihnen direkt in Verkehr zu treten, so ist doch  So hatte er auch an der Verlobung der Gräfin Agnes Anteil genommen, in der Akte, Bl. 26-26v (Posen, 6. November 1887).
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mein Interesse für Ihr hohes Haus
und meine Dankbarkeit gegen dasselbe immer gleich geblieben. Es macht mich außerordentlich glücklich zu sehen, dass auch das gräfliche Steinorter Haus mir eine so freundliche Erinnerung bewahrt.

Wissend, welchen lebhaften Anteil Sie an dem Verlauf der Wahl nehmen, glaube ich in diesem Briefe schon einen Punkt berühren zu sollen. Erst am 25. Mai erhielt ich in einem Briefe des Herrn Kolmar-Glembowen die Mitteilung, dass der  Der Bund der Landwirte (BDL bzw. BdL) war eine am 18. Februar 1893 gegründete Interessenorganisation der Landwirtschaft im Deutschen Reich, die 1921 im Reichslandbund aufging, vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Bund_der_Landwirte.
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Bund der Landwirte
zwischen Herrn von Stein und mir Entscheidung zu hoffen haben würde. Damals hatte ich längst   Unleserliche Stelle [...] die abermalige Kandidatur mitgeteilt. Hätte Herr von Stein von seiner Neigung zu kandidieren eine rechtzeitige Mitteilung gemacht, so hätte ich mich jedenfalls mit ihm auseinandergesetzt, Allerdings hätte ich ihm dabei vorführen müssen, dass er keine Aussicht habe, zu siegen. Es wäre jedenfalls eine sehr traurige Evaluierung zwischen uns vermieden worden. Herr von Stein hat leider bis zu diesem Augenblicke irgendwelche Annäherung zu mir nicht gemacht. Gewiss kann jetzt nur noch davon die Rede sein, dass er zurücktritt, ich werde auf allen Listen kämpfen. Sehr möglich, dass nun Herr Scobb siegt; dass er aber Herrn von Stein gegenüber guten Erfolg haben würde, wäre mir früher ebenso wenig zweifelhaft gewesen wie jetzt.

Auf die Ehre, Sie wiederzusehen, mich sehr freuend, übersende ich heute noch die Empfehlungen meiner Frau und bin immer in größter Verehrung

Ihr gehorsamster v. Staudy