Evreux, den 12. Oktober 1815

Teuerste Mutter!

  Editorische Auslassung [...] Ich sage Ihnen nichts über die großen Ereignisse der Zeit. Die große Posaune der Zeitungsblätter stellt wenigstens die Hauptresultate richtig dar, wenn sie auch in den Ursachen und Ereignissen, die sie herbeiführen, oft sehr falsche Töne herausstößt. Meine kleine Lebensgeschichte ist mit manchen Widerwärtigkeiten begleitet gewesen. Nach spät erhaltener Bestimmung zum 1. Armeekorps und einigen Negationen wegen Gewissheit der versprochenen Brigade, welche meinen Aufenthalt in Berlin mehr als es sonst der Fall gewesen, verlängert hatten, ging ich der leidigen Ökonomie halber mit eigenen Pferden und der Etappenstraße nach zur Armee ab. Ich wählte umso mehr diesen Weg, weil es sehr unangenehm ist, ohne Pferde bei der Armee zu sein, dort es sehr schwer gehalten hätte, und sehr kostspielig, welche zu akquirieren, und endlich damals für ganz gewiss anzunehmen war, dass die Operationen vor eingetretener Ernte nicht beginnen würden. Napoleons Tollheit änderte alles. Unterwegs erhielt ich die Nachricht von den begonnenen Feindseligkeiten. Ich ließ meine Pferde im Stich und eilte zur Armee. Die großen Tage und die großen Taten des  Schlacht bei Belle-Alliance
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15., 16. und 18. Juni
aber waren vorbei und wie alles Vergangene unwiderruflich. Alles, was noch geschah, war mehr fatigue als Kampf, außer die Tage vor Paris.   Editorische Auslassung [...]

General Zieten ist gegen mich von einer gesuchten Zuvorkommenheit, Freundschaft und Güte; auch favorisiert er mich in manchem militärischen Verhältnis soviel er kann. So habe ich die Einschließung von Laon geführt, die Kapitulation abgeschlossen, die französischen Truppen geleitet etc., ein ziemlich bedeutendes Remonte-Geschäft für die Armee in der Normandie besorgt etc. Dieses alles hat mich 2 Monate in steter Bewegung erhalten und mich doch des eigenen Vorwurfs entledigt, nicht das meinige zur allgemeinen Pflicht beizutragen und mein Gehalt und Standpunkt ohne Nutzen zu bekleiden. - Was jetzt nach erfolgtem Frieden aus mir und überhaupt aus allen Teilen und Individuen der Armee werden wird, weiß der Himmel, wie vorzüglich die Verhältnisse in und mit Frankreich zu stehen kommen werden. Wie lange dieses von tausend Leidenschaften und Fraktionen im Inneren zerrissene und unglückliche Land seine momentane Ruhe und Verfassung erhalten wird; ob die hier zu befürchtenden Stürme nicht wieder einen entscheidenden Einfluss auf Europa haben werden, sind unzubeantwortende Fragen.

Sie wissen, liebe Mutter, welche Gründe mich - eigentlich sehr gegen meine Neigung - noch im Dienst erhalten. Da ich diesen Zustand aber als temporär betrachte, weiß ich selber nicht recht, was ich für mich suchen und wünschen soll. Der Soldat in Friedenszeiten ist entweder ein sehr geplagtes oder sehr unnützes Geschöpf. Beides ist mir nicht wünschenswert. Gern hätte ich eine angemessene Stellung in Königsberg, weil das mein dienstliches Verhältnis mit meinem häuslichen vereinbar machen würde - welche aber? Und wie sollte sich das gerade so fügen? Die Landwehren sind in rein militärischer Hinsicht höchst fatal, zum Regimentskommandeur bin ich beinahe zu hoch rauf in der Armee. Doch wäre mir das noch das liebste, wenn es nur ein recht gutes, altes und bewährtes Regiment wäre. Denn im Organisieren und Formen habe ich ein Haar gefunden. Nun Gott wird's lenken!

Denken Sie sich, liebe Mutter, eine sonderbare Bestimmung, die ich bei einem Haar gehabt hätte.  Am 8. August 1815 war Napoleon auf die kleine Insel in der Südee gebracht worden.
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Napoleon sollte und soll durch Kommissarien von allen gegen ihn koalisierten Mächten auf der Insel Helena bewacht werden.
Lange hat man in der Armee nach jemandem gesucht, der zu diesem Geschäfte vermöge des militärischen Grades, Sprache, Denkart etc. passlich wäre. Auch mir hat man die Propositions gemacht, und wirklich, einige Jahre jünger, und wenn die Kondition, wenigstens auf zwei Jahre sich zu verpflichten dort zu bleiben nicht dabei gewesen wäre, so weiß ich nicht, ob ich nicht der Sonderbarkeit der Geschichte halber und um diesen doch immer noch außerordentlichen Vogel genauer kennenzulernen, mich dazu pretiert hätte. So aber habe ich es doch zu viel gefunden, von den sparsam zugemessenen Lebensjahren 2 so gut als wegzustreichen, nicht gerechnet das Jahr, welches auf der Reise hin und zurück drauf geht.

Ich habe vor einigen Tagen zu Paris bei Gelegenheit einer Revue über das 3. Armeekorps  Seine Neffen August und Louis Grafen von Dönhoff. - In einem Brief an die Mutter vom 10. August 1816 geht er ebenfalls darauf ein. Zuvor war Stanislaus Graf von Dönhoff im Duell erschossen worden. Emil Graf von Dönhoff war nach Jahren der Abwesenheit in einem schlesischen Brüderpensionat in das Elternhaus zurückgekehrt. „Wenn ihn seine Vorliebe der Landwirtschaft zuteilt“, solle ihn der Vater nicht davon abhalten, zumal August und Louis „nicht dazu gestimmt scheinen.“ - Briefe der Dönhoff-Söhne, in: APO, Bestand 382 FA Lehndorff, Nr. 434 , 437 und 439. Vgl.auch APO, Archiwum rodziny Dönhoff z Drogoszy pow. kętrzyński, Nr. 231 (Familienerinnerungen, niedergeschrieben von Cecilie Gräfin von Dönhoff?.
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meine lieben Kinder gesehen
und diese Begegnung hat mir eine unbeschreibliche Freude gemacht. August ist noch hübscher geworden, als er war, er und auch Louis so gut geblieben und rein, als sie aus dem elterlichen Hause gingen. Ich sage es immer: die Race ist untrüglich.   Editorische Auslassung [...] Der vernünftige, gute, liebe August ist seinem Entschluss, seine Studien fortzusetzen, treu geblieben, und wünscht sehr, bald nach Hause zu gehen. Louis dem seinen, als Soldat dem Vaterlande seine Pflichten zu weihen.   Editorische Auslassung [...]

Gott segne und beglücke Sie meine Mutter! Carl