19. November 1948

Betr. Herrenloses Gut der Wechselburger Kirche

In Anordnung Ihres Schreibens vom 9.11. haben wir lt. beiliegendem Protokoll vom 16.11. die beiden eisernen Truhen des herrenlosen Guts aus der Wechselburger Kirche im Beisein uns erbetener Beamter der Kriminalpolizei öffnen lassen.  Das es Erben gab, hätte sich bereits 1946 nachvollziehen lassen. Erst im April 2008 konnte Vera von Lehndorff, vertreten durch den Anwalt Gerhard Brand, einen Antrag auf Restitution des Familienbesitzes stellen.
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Es wurde dabei festgestellt, dass das aus Steinort, Kr. Angerburg/Ostpreußen stammende Gut aus dem Besitz des Grafen Lehndorff stammt, der am 20. Juli 1944 beteiligt war und deshalb samt der gesamten Familie ausgerottet wurde.
Wie wir richtig vermuteten, befanden sich in den beiden eisernen Truhen keinerlei belastende Korrespondenzen aus der Nazizeit, sondern nur schnell zusammengeraffte Skripturen aller Art aus den Regalen und Schreibkommoden des gräflichen Besitzes. Dem Inhalt der Truhe I sah man es deutlich an, dass das Verpacken der Skripturen in höchster Eile geschehen sein musste, denn es lagen wahllos Briefwechsel, allerhand wertlose aufgehobene Drucksachen wie Speisekarten von Berliner Hotels, Zeitungsausschnitte unwesentlichen Inhalts u. a. nebeneinander. In dieser Truhe waren noch einige  Die Tagebücher des Kammerherrn Ernst Ahasverus Heinrich Graf von Lehndorff
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Pergamentbände mit handgeschriebenen Aufzeichnungen persönlicher Art in französischer Sprache
. Truhe II enthielt hauptsächlich Aktenbündel Erbschaftsangelegenheiten betreffend usw. Als interessantes Stück ist die  Heute wieder in Privatbesitz, siehe das Foto in der Bildersammlung.
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Urkunde mit der reichsgräflichen Ernennung und dem Wappenbrief und dem doppelseitigen kaiserlichen Metallsiegel
anzusprechen.

Das Einverständnis der Landesregierung vorausgesetzt, wird alles aktenmäßige Material dem Stadtarchiv zur Aufnahme und zur Weiterleitung an das Landesarchiv übergeben.  Es handelt sich um den Teil des Familienarchiv in: LASA, StA L, Bestand 21950. Inwieweit tatsächlich eine Vernichtung erfolgte, ist nicht klar. In der Bestandsakte im LASA, StA L werden neben den Akten aus Kribstein weitere „5 Schachteln Archivgut“, übergeben am 18. Dezember 1975 von der Staatlichen Archivverwaltung, aufgeführt.
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Das wertlose Papier und wohl auch die Briefe, die rein familiären Inhalts sind, können vernichtet werden.
Ihr Einverständnis vorausgesetzt, werden wir dem Fahndungsamt der Stadt Leipzig eine Abschrift des Protokolls zugehen lassen, da dieses besonderes Interesse für die eisernen Truhen hatte und in Leipzig das Gerücht aufgekommen war,  Vgl. BStU, MfS, AB Neiber, Nr. 383, Bl. 205 ff. Im November 1944 hatte der ostpreußische Gauleiter Koch an Martin Mutschmann, Gauleiter in Sachsen, wg. der Unterbringung von Kunst- und Kulturgütern aus Ostpreußen geschrieben. Seine eigene Sammlung brachte er, als „Museumsgut‟ deklariert, nach Thüringen. Sie traf mit einem LKW-Transport am 9. Februar 1945 in Weimar ein und wurde im Landesmuseum untergestellt, vgl. das Verzeichnis in BStU, MfS, AB Neiber, Nr. 391, Bl. 74-84. Eine Abholung von 2/3 der eingelagerten Gegenstände erfolgte am 9./10. April 1945 unter der Leitung des „Hausverwalters‟ (Albert Popp). Der Rest der Sammlung wurde von der SMAD beschlagnahmt, vgl. BStA, MfS, AB Neiber, Nr. 386, Bl. 73.
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die Truhen enthielten wertvolles Material des Gauleiters Koch und des Statthalters Mutschmann.
Es liegt uns bei dieser Gelegenheit daran, eine Entscheidung herbeizuführen, was nun mit dem anderen herrenlosen Gut geschehen soll, das, wie aus beiliegender Liste ersichtlich, ausschließlich aus Möbeln besteht. Wir schlagen vor, dem Chemnitzer Museum in seine Textil- und Kunstgewerbe-Sammlung zu überlassen WB 1-5, 10-15, 19-31. Das Leipziger Museum würde, wie sein Direktor Dr. Bethke versicherte, dankbar sein, wenn ihm folgende Stücke überlassen würden: WB 9, 16, 17, 18, 6, 7, 8. Dem Museum für Musikinstrumente in Leipzig könnte das Giraffenklavier (WB 16) zugeführt werden. Die Überlassung würde seitens der Landesregierung in der Form der Leihgabe geschehen können, wie es ähnlich bei den Objekten der Schlossbergungsaktion gewesen ist. Da das Dresdner Museum unter dem in Dresden aufgespeicherten Gut aus der Schlossbergungsaktion seine Wahl treffen konnte, glauben wir, dass es an den weniger wertvollen Stücken dieser Bergung kein Interesse haben wird.

Leitung der Städtischen Kunstsammlung
Schreiber-Weigand
Direktor

Anlage 1

Protokoll.

Am 16. November 1948 wurden im Beisein von 2 Vertretern des Kriminalamtes Chemnitz, der Herren Herbert Clauß und Curt Uhlmann, dem unterzeichneten Museumsdirektor Schreiber-Weigand, dem Hausmeister des Museums Eckert und dem Schlossermeister Berthold die zwei alten eisernen Truhen, die mit herrenlosen Möbeln aus der Kirche zu Wechselburg in das Chemnitzer Museum überführt worden sind, durch den Schlossermeister Berthold geöffnet und der Inhalt in Augenschein genommen. (Die Truhen haben die Größe 83 x 45 x 46 und 76 x 47 x 47). In Truhe I fanden sich ausschließlich persönliche Briefe, Zeitungsausschnitte, Aufzeichnungen, Briefdurchschläge und in französischer Sprache geschriebene Chroniken aus dem Ende des 18. Jahrhunderts. In Truhe II waren ausschließlich Aktenbündel, z. T. testamentarischen Inhalts, z. T. verwaltungsmäßigen, z. T. enthielten sie Erbschaftsangelegenheiten usw. Als besonderes Stück wurde in einem Blechkasten eine in einem Samteinband gebundene alte  Vgl. die digitale Aufnahme in: Österreichisches Staatsarchiv, AT-OeStA/AVA Adel RAA 253.54 Löhndorff (Lehndorff), Ahasverus von, Kurbrandenburgischer Oberrat und Regierungsrat, Oberstburggraf in Preußen, Generalleutnant, und sein Sohn Johann, Ordensritter, designierter Komptur zu Supplinburg, Grafenstand für das Reich und die Erblande, Hoch- und Wohlgeboren, Wappenbesserung durch Vereinigung seines Wappens mit dem von Eulenburg Verleihungsdatum: Wien, 23.2.1687, fol. 1-24 (Wappen fol. 7v-8). Abschrift: BLHA, Rep. 78 Kurmärkische Lehnskanzlei, II Familien L 19 Graf von Lehndorff: Konfirmation des Grafenstandes für den vom Kaiser am 23. Februar 1687 in den Grafenstand erhobenen Generalleutnant und Regierungsrat Ahasverus von Lehndorff (Löhndorff), 1688 durch Kurfürst Friedrich II bestätigt.
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Urkunde mit der reichsgräflichen Ernennung vom 23. Februar 1687 auf Pergament geschrieben, mit anhängendem, in Metall ausgeführten, kaiserlichen, doppelseitigen Siegelzeichen
vorgefunden.

Leitung der Städtischen Kunstsammlung (Stempel)
gez. Schreiber-Weigand Direktor
gez. Herbert Clauß
gez. Kurt Uhlmann

Anlage 2

Städtische Kunstsammlung Chemnitz
Az. 320-0
  Nach dem Schreiben vom 26. Februar 1949 wurden die Möbel zwischen Chemnitz und Leipzig (hier *) aufgeteilt, vgl. in der Akte, Bl. 344 und 348.
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Aufstellung der von Wechselburg sichergestellten Gegenstände

  • WB 1 Dreiteiliger Aufsatz-Schrank 1850-60
  • WB 2 Schreibschrank mit Spiegeltüren 19. Jahrhundert
  • WB 3 Zweiteiliger Kommodenschrank etwa 1740
  • WB 4 Bürgerliche Barockkommode 1760
  • WB 5 Gebrauchte Rokokokommode 1750
  • WB 6* Gegenstück dazu
  • WB 7* Renaissance-Schrank frühes 17. Jahrhundert
  • WB 8* Truhe frühes 17. Jahrhundert
  • WB 9* Truhe 1622
  • WB 10, 11 2 Hohe Kirchenstühle 18. Jahrhundert
  • WB 12, 13 2 Renaissance-Stühle
  • WB 14 Blumenbank 18. Jahrhundert
  • WB 15 Lehnstuhl und 3 Stühle frühes 19. Jahrhundert
  •   Nach dem Schreiben vom 26. Februar 1949 war das Giraffenklavier für die Musikinstrumentensammlung in Leipzig „sehr erwünscht“, in der Akte, Bl. 345.
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    WB 16* Giraffenklavier 1840
  • WB 17*, 18* 2 eiserne Truhen
  • WB 19 gewölbte Truhe mit Beschlägen
  • WB 20 Ostasiatisches Kohlenbecken
  • WB 21 Gobelin-Sofabezug
  • WB 22 Gobelin und Schawl stark defekt
  • WB 23 4 St. alte Tapeten
  • WB 24 1 Gobelin-Kniestück
  • WB 25, 26 2 St. alte Leinenstickerei
  • WB 27 1 Seidenrest, Rosenmuster
  • WB 28, 29 2 Kleiderreste
  • WB 30 1 Kissenbezug
  • WB 31 1 Stuhlsitzbezug Gobelin