Königsberg, 10. September 1897

Hochverehrter Herr Professor!

Für Ihren gütigen Brief danke ich vielmals; ich habe Friedensburg in dem angegebenen Sinne geschrieben.

Es tut mir leid, dass Sie auch nicht besseres Wetter hatten. Hier war es bis jetzt scheußlig, heute ist der erste Tag, an dem es nicht regnet. Dennoch interessiert mich hier vieles und es gefällt mir sehr. Vielleicht haben Sie oder Ihre verehrte Frau Gemahlin einmal Zeit, mich über einiges anzuhören.

Ich war am Donnerstag auf dem Schrötterschen Majoratsgut Wohnsdorf zu Besuch und habe auch viel Neues gesehen und gehört. Freilich muss ich zunächst sagen, dass der Historiker mit vielen der dort herrschenden Meinungen unmöglich einverstanden sein kann. Ich hätte kaum gedacht, dass noch heute die Tätigkeit der Hohenzollern in Ostpreußen so ungünstig beurteilt wird. Begreiflicherweise haben sie für den Großen Kurfürsten am wenigsten übrig. Das Gegenteil zu beweisen oder wenigstens dessen Wirken gegen den Adel zu verteidigen, dazu hatte ich dieses Mal zu wenig Zeit, auch mochte ich mich nicht gleich das erste Mal in Gegensatz zu den liebenswürdigen Leuten setzen.

Mein Vetter ist zwar weniger liebenswürdig, vielmehr ein kompakter Ostpreuße, dagegen ist seine Frau, eine geborene Gräfin Lehndorff, die Freundlichkeit selbst. Natürlich ging das Gespräch meist über unsere Familie und die Vorfahren. Auch darin habe ich sehr ketzerische Ansichten. Während meine Verwandten sich an das Freiherrendiplom halten, das den Adel bis ins 13. Jahrhundert zurückführt, glaube ich, dass dieses eine Erfindung ist,  Vgl. zur Familiengeschichte: Schrötter, Robert Freiherr von, Beiträge zur Geschichte des Freiherrlich von Schrötterschen Familie, Berlin 1965; Die Schröttersche Chronik aus Wohnsdorf, hrsg. von Carl von Lorck unter Mitwirkung von Johann Georg von Rappard, Limburg/Lahn 1969. Hier wird u. a. Johannes (1646-1726) auf Maulen, Wohnsdorff usw., Generalpostmeister und Vize-Schatzmeister von Litauen, Kastellan von Livland, 1702 Pfandbesitzer der Wohnsdorfer Güter von Andreas von Flanß genannt. - Nach Lorck waren Teile des Wohnsdorffer Archivs im Familienbesitz in Bad Honnef am Rhein erhalten, anderes war nach Berlin in das Geheime Kriegsarchiv gegeben und mit diesem in den Kriegsjahren vernichtet worden. Nach dem „Rotulus der Archivalien“ gehörten dazu eine 79 Seiten starke „Acta Manualia“ der Maulenschen Fideikommiss- und Erbschaftssachen, 1810-1812 (grüner Deckel) sowie eine Akte Maulen (gelber Deckel), beginnend 1710 , intus u. a. Güter- und Vormundschaftssachen. Zu den 8 Einzelakten gehörte, so Lorck, S. 49, auch der Lehnsbrief des Markgrafen Albrecht Friedrich für Melchior Lehndorff in Maulen aus dem Jahr 1572.
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und halte mich an eine Urkunde von 1685, in der zugestanden wird, dass die Familie seit Anfang des 17. Jahrhunderts etwa adlig ist und Grundbesitz in Ostpreußen hatte. Frühere Urkunden aber gibt es nicht.

  Im 13./14. Jahrhundert wurde auf der Pruzzenfeste Capostete eine Burg des Deutschen Ordens errichtet. Sie wurde mehrfach erobert, zerstört, wiederaufgebaut und vergrößert mit quadratischer Hauptburg und Vorburg. Seit etwa 1690 war die Burg im Besitz der Familie von Schrötter. 1830 brannte die Burg mit mehreren Gebäuden ab. Übrig blieb der Turm, den der damalige Minister Freiherr Friedrich Leopold von Schrötter von Friedrich Gilly wieder aufbauen ließ. Gilly setzte auf den Turm ein antikisierendes Kranzgesims mit einem geschweiften Bohlendach. Der mit der Familie von Schrötter befreundete Immanuel Kant hielt sich hier gerne auf. Das spätklassizistische Gutshaus ließ Hermann Freiherr von Schrötter, Enkel des preußischen Staatsministers, 1868/69 errichten. Vgl. Papendick, Christian, Der Norden Ostpreußens. Bilddokumentation, Husum 2009.
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Dicht hinter dem jetzigen Wohnhause erhebt sich ein Hügel, der auf einer Seite durch die Alle, der anderen von tiefen Einschnitten begrenzt wird, und auf dem die Trümmer der alten preußischen Burg Capostete zu sehen sind; diese ist nach dem alten preußischen Schriftstellern eine der   Unleserliche Stelle [...] Plätze gewesen und wurde im 13. Jahrhundert vom Orden erobert. Man hat von dort einen sehr schönen Blick ins Land, an unsere Familie kam Wohnsdorf 1702.

Ich hörte noch manches Interessante, sah auch manches, z. B. mehrere sehr alte schöne Möbel, die von dem Minister stammen, und Bilder desselben. Sie haben eine Serie silberner Kaffeelöffel, deren Stiel eine Nixe ist, die auf dem Kopf ein C und M verschlungen mit einer Königskrone darüber trägt. Wir sannen lange darüber nach, was das C bedeute, und kamen endlich auf Catharina Medici, die Königin von Frankreich; ich weiß wirklich nicht, auf wen sonst diese Initialen treffen könnten.

Ich habe Ihnen, Herr Professor, nun aber genug von diesen Dingen erzählt, die vielleicht nur mich interessieren. Was meine hiesige Arbeit angeht, so bin ich fast fertig. Leider ist über die Münzung unter Friedrich III (I) fast nichts vorhanden. Das Allgemeine ist besser in Berlin; wohl aber sind sehr viele Patente für diese Zeit da, die ich im Geheimen Staatsarchiv nicht fand. Über die russische Zeit ist viel hier (1758-62), doch habe ich diese beiseite gelassen, weil sie eben nicht zur preußischen Verwaltung gehört. Vielleicht wären sie einmal abgesondert zu publizieren.

Ich wünsche Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin nun noch für den Rest der Ferien das schönste Wetter und schließe mit einer Empfehlung als Ihr ganz gehorsamster Frhr. von Schrötter