Angerburg, 12. April 1891

Hochgeborene Frau,
Gnädigste Frau Gräfin!

eine Gelegenheit, den Herrn Hofprediger Stoecker zu sehen und persönlich kennenzulernen, würde gewiss allen Geistlichen der hiesigen Diözese sehr lieb sein. Am 30. d. M. ist Grundsteinlegung der Kirche in Possessern, bei welcher Feier alle Geistlichen zusammenkommen. Ich könnte also dieselben persönlich einladen und zu der qu. Versammlung in Steinort anregen. Was nun den Tag der Versammlung betrifft, so würde vielleicht der Mittwoch nach Pfingsten bequemer sein.   Editorische Auslassung [...] Ich selber, so lieb und wertvoll es mir sein würde, zu der in Aussicht genommenen Versammlung zu kommen, zumal ich Stoecker noch nie gehört habe, bin durch eine General-Kirchen-Visitation in Westpreußen, zu der mich der Ev. Oberkirchenrat beordert hat und die schon am letzten Freitag anfing und 14 Tage währt, verhindert. Ich bitte gnädigste Frau Gräfin auf mich allein nicht Rücksicht zu nehmen, wenn nur die anderen Geistlichen alle dazu kommen, und setze ich voraus, dass sie mit Freude der Einladung folgen werden. Einen großen Dienst könnte Stoecker noch unserer Kirche tun. Sein Name ist in Lötzen und Rhein auf das scheußlichste von den Anhängern des Agnostaten Droste gemissbraucht, um den Sozialdemokraten gleich zum Austritt aus der Kirche zu raten. Man hat nämlich das schändliche Gerücht aufgebracht, dass Stoecker aus der Kirche ausgetreten sei, und gerade dadurch ist es gelungen, eine große Zahl von Leuten aus der Kirche herauszuziehen und zum Austritt zu bewegen, um sich der Drosteschen Sekte anzuschließen. Es wäre gut, wenn Stoecker dieser Lüge entgegentreten wollte. Die Zahl der in Lötzen und Rhein ausgetretenen ist ziemlich groß. Gott sei Dank ist der hiesige Kreis gegen diese Versuchung standhaft geblieben, ja man hat sogar in einzelnen Dörfern, wo Droste seinen Besuch angemeldet hatte um gegen die Kirche zu wüten, sich seinen Besuch ernstlich verbeten.

Was nun die Gefahr der Sozialdemokratie betrifft, so fürchte ich für unsere Landbevölkerung dieselbe nicht. Ich halte es zunächst nicht für praktisch, unsere Gemeinde zu einem Kampf aufzufordern, solange der Feind nicht da ist. Erregt man die Gemüter, indem man schon lange vorher von den Gefahren und Lehren der Sozialdemokratie predigt, so streicht man in die Luft, denn hier hat man noch keinen Sozialdemokraten gesehen; ferner werden die Leute gespannt auf den Feind, den sie doch endlich einmal mit ihren eigenen Augen sehen und ihren eigenen Ohren hören möchten. Sie bekommen überhaupt zuviel Interesse für diese Neuheit und wir bereiten, ohne es zu wollen, dem Feind den Boden. Unsere Aufgabe darf zunächst nur die sein, unsere Gemeinden die geistliche Waffenrüstung, von der H. Paulus im Epheserbrief spricht, anlegen zu lassen, sie mit guter Lektüre reichlich zu versorgen und sie also stich- und hiebfest zu machen. Die Rüstung muss im Willen geschehen, ohne Geräusch. Im Konfirmandenunterricht kann man weit mehr auf die wahnwitzigen Lehren der Sozialdemokratie eingehen als vor den Erwachsenen in Predigten und Ansprachen. Hier haben wir auch die Herzen der Kinder ganz in der Gewalt und können dieselben wie weiches Wachs formen.

Kommen nun wirklich zu uns die Sendboten der Sozialdemokratie und wollten Versammlungen halten, so würde ich keinen Anstand nehmen, diese Versammlungen aufzusuchen, entgegenzutreten, Gegenversammlungen zu halten, die Leute aufzufordern, die Fremdlinge auszuweisen. Ich habe die feste Überzeugung, dass sie bei uns nichts machen können. Nur auf einem einzigen Wege könnten die Sozialdemokraten hier Einzug finden, wenn sie nämlich sich den Stundenhaltern und sektiererischen Reisepredigern anschließen, die unter dem Deckmantel derselben als „Reiseprediger‟ auftreten würden. Es liegt im Sektenwesen viel Sozialdemokratisches. Der Apostoler-  Unleserliche Stelle [...] Tischler Stanowski belehrt die Leute, dass er im Jahre 1896 das tausendjährige Reich aufrichten werde, wo es allen Reichen schlecht gehen wird, wo er mit den Seinen zur Weltherrschaft gelangen und in allen Herrlichkeiten und Freuden leben werde. Er sei der „Gott der Rache und des Gerichts‟.   Editorische Auslassung [...] Das ist doch der größte Blödsinn, aber es wird geglaubt, weil Stanowski als frommer geistlicher Reiseprediger auftritt und weil er große Verheißungen macht.   Editorische Auslassung [...] Auf Ihrem Gut Taberlack hält jeder Instmann auf seine Kosten den Ostpreußischen Sonntagsfreund, es sind dort 26 Abonnements, was mich sehr freut. Gerade, dass jedes Familienhaupt sich solche Sonntagspost selbst besorgt und dafür auch etwas bezahlt, ist erfreulich. Der Lehrer Kordack hat das zustande gebracht, was anderen Lehrern nicht möglich ist. Bei Pahlke in Rehsau fand ich bei der letzten Revision die Spandauer Lehrerzeitung auf dem Schultische. Dieses erzfortschrittliche Blatt. Ich habe ihm ganz energisch meine Meinung gesagt, Gott befohlen!

In der vorzüglichsten Ehrerbietung Euer Hochgeboren gehorsamster Braun