Editorische Auslassung [...] Noch einmal gab es im Mai einige schöne Wochen verhältnismäßiger Ruhe an der Front, in denen sich das schöne ostpreußische Land, mit seinen wundervollen Seen und Wäldern um uns, in voller Schönheit präsentierte, als wollte es sich vor der Katastrophe nochmal unauslöschlich ins Gedächtnis prägen.   Editorische Auslassung [...] Mit der gelungenen Landung des Feindes in Frankreich bei dem Missverhältnis unserer Kräfte dort, der feindlichen absoluten Luftüberlegenheit (die aus Russland abgezogenen SS-Divisionen konnten nur bis Reims per Bahn fahren, brauchten für den Landmarsch zur Normandie, der nur nachts vor sich gehen konnte, Wochen!!), der unfähigen illusionistischen Führung, die es immer noch nicht über sich brachte, endlich einmal jetzt, im Augenblick höchster Gefahr, eine einheitliche militärische Führung mit allen Konsequenzen aus der Lage auch für den Osten (sich bescheiden dort und Einnehmen kräftesparender Fronten) zu schaffen, war klar, dass der Krieg nun endgültig verloren war und auch die größten Illusionisten nichts mehr hoffen konnten, soweit sie es sehen wollten!   Editorische Auslassung [...] Ich fuhr jeden Tag nach Steinort   Editorische Auslassung [...] , war auch oft mal zur Nacht in Steinort und sehr oft zum Mittagessen auch im Alltag. Wir schwelgten in Erdbeeren, Räucheraalen und anderen Genüssen. Abends fuhren wir mal alle zusammen per Kahn auf die Seen. Wir probierten eine Flinte aus, die  Gottliebe Gräfin von Lehndorff
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Mausi
geschenkt bekommen hatte. Ich pirschte viel, sah oft Sauen, trotzdem der Wald manchmal von Stabshelferinnen und dazugehörigen Begleitern wimmelte. Badete eigentlich jeden Tag in dem See vor dem Haus, auch mal mit den Lehndorffschen Kindern. Leistete Mausi viel Gesellschaft, die wegen des kommenden Babys nicht mehr reiten konnte. Viel waren wir im Gemüsegarten, wo alles prächtig wuchs. Ich beerte noch die Weintrauben im Weinhaus mit aus - mal schon früh um 5 vor dem Dienst erscheinend, zu dem ich um 8 wieder zu Haus sein musste. Ritt auch mit  Heinrich Graf von Lehndorff
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Heini
in die Wirtschaften - kurz es war eine richtig glückliche Zeit wie lange nicht. In besonderer Erinnerung ist mir als einer der letzten wirklich schönen Tage sein Geburtstag! Ich fuhr mit Fed Planitz in unserem Wagen raus (er war auch sehr viel in Steinort als Intimus Heinis), jeder mit einer Pulle für Heini bewaffnet. Wir kamen zu früh und mussten das Essen inspizieren, insbesondere das Erdbeereis, und in den Weinkeller steigen, den wir auch um das Beste schädigten. Es gab einen herrlichen Rehrücken, nachher noch Torte und Mocca. Fed hielt eine so hübsche Rede, dass das Kind ein Sohn sein möge und dass wir noch oft so nett zusammen diesen Tag in Steinort feiern könnten. - Und wenige Tage darauf ging der Sturm im Osten los und machte es uns schnell wieder deutlich, dass daran nicht mehr zu denken sei! Bald - überraschend schnell - schallte stündlich der Kanonendonner von Grodno zu uns herüber und nun war wieder täglich die Rede vom kommenden Schicksal.   Editorische Auslassung [...]

Ich schrieb in diesen Tagen an Vater, dass nun bald mit dem schlimmen Ende des Krieges zu rechnen sei, und er möchte sich wirtschaftlich darauf einrichten: „Es wird keinen Koks mehr geben - daher auf zwei Jahre eindecken - keinen Brennstoff für die Traktoren - daher Ochsen kaufen und Bindemäher für Pferde - Bargeld zu Hause halten, um die Löhne in den Übergangszeiten zahlen zu können usw.‟   Editorische Auslassung [...] Eine völlige Niederlage ohne Gnade steht uns bevor - ihren Vernichtungswillen haben sämtliche Feinde zur Genüge betont! Das Fragliche ist, wieweit die Interessen der Westmächte die Russen in Deutschland hereinlassen werden.  Die Konferenz von Jalta (Krim-Konferenz) war ein diplomatisches Treffen der alliierten Staatschefs der USA, des Vereinigtes Königreich und der UdSSR vom 4. bis zum 11. Februar 1945. Es war das zweite von insgesamt drei alliierten Gipfeltreffen der „Großen Drei“ im bzw. nach dem Zweiten Weltkrieg (1939–1945). Thema der Konferenz war vor allem die Aufteilung Deutschlands. Zuvor hatte die Konferenz von Teheran vom 28. November bis 1. Dezember 1943 stattgefunden, die die Aufteilung Deutschlands vereinbart hatte. Diese meint Münchhausen wohl
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Nach den Nachrichten über die Konferenz in Jalta muss man wohl leider damit rechnen, dass bis zur Oder alles von den Russen besetzt werden wird. Zwischen Elbe und Oder gibt es vielleicht eine interalliierte Besatzung.
  Editorische Auslassung [...]

Die Situation war Mitte Juli so, dass der Russe Ost-Schlesien und Ostpreußen bedrohte. Wir hörten in unserem Hauptquartier den täglichen Kanonendonner von Grodno herüberschallen.   Editorische Auslassung [...]

Im August gelang es schließlich,   Editorische Auslassung [...] die Front wenigstens zum Stillstand zu bringen.   Editorische Auslassung [...] Hitler kam schließlich aus Berchtesgaden gegen den 12.7. angeeilt.   Editorische Auslassung [...] Trotzdem fuhr ich fast jeden Tag nach Tisch, wenn Heusinger beim Führer war, und bei uns die übliche Ruhe zwischen den Meldungen, nach Steinort. Unsere Stimmung war sehr deprimiert, denn erstens war es uns völlig klar, dass die Ereignisse die von uns schon lange befürchtete Niederlage sehr nah herangebracht hatten, und zweitens war Ostpreußen nun sicher verloren über kurz oder lang.   Editorische Auslassung [...] Die Verlegung [des Hauptquartiers] wurde fieberhaft vorbereitet. Der Befehl wurde am 10.7. etwa gegeben.   Editorische Auslassung [...]

In Ostpreußen herrschte mit Recht eine sehr nervöse Stimmung. Aber die Bevölkerung durfte kein Wort der Sorge äußern oder gar etwas wegschicken und wenn es nur ein Paket war. Heini Lehndorffs Schwester  Karin Gräfin von Lehndorff, seit 1933 verheiratet mit Dietrich Graf von Dönhoff
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Dönhoff
wurde auf das Landratsamt bestellt, wo sie bedroht wurde, weil sie ganze 2 Postpakete aufgegeben hatte. Eine Dame, die einen Koffer weggeschickt hatte, sie selbst 65 Jahre alt, wurde von der Gestapo verhaftet, 9 Tage bei Wasser und Brot eingelocht.   Editorische Auslassung [...] Abreisen war ganz ausgeschlossen. Man wollte eine Panik verhindern, aber erreichte schließlich nur, dass niemand etwas von seinem Hab und Gut rettete.   Editorische Auslassung [...] Wir boten natürlich sofort unseren Freunden, und ich natürlich den Lehndorffs an, dass wir in unseren Zügen, in denen wir verlagert wurden und in denen viel Platz war, ihnen Sachen mitnehmen wollten. Ich redete ihnen immer wieder zu und packte jeden Tag mit, und veranlasste sie immer wieder mehr mitzugeben, wo sie gar nicht mehr wollten. Ich vermittelte, dass wir schon vorher Koffer - mit unserem Kurierzug nach Halle - nach Torgau mitgaben zu ihrem Vater nach Graditz, und ich hatte wohl schließlich in unseren Zügen 16 Koffer, z. T. ganz große, und Säcke nach Zossen geleitet. Es war sehr schwierig, diese zu uns in den Mauerwald zu kriegen vor den misstrauischen Gestapoleuten von Ribbentrop und den immer dastehenden Posten und auch vor dem Dorf. Teils waren sie als Kunstgegenstände frisiert, die in den Mauerwaldbunker vor Luftangriffen kommen sollten. Ich schickte Leute zum Abholen oder Heini brachte sie allmählich rein, auch Mausi per Auto. Ich lud es ihr vorher rein, weil Heini viel weg war.   Editorische Auslassung [...] Auf unser Zureden hatte sie sich von unserem Stabsarzt ein Attest geben lassen, dass die Geburten sehr schwierig bei ihr immer seien und sie in die Klinik in Torgau hierzu müsste. Der nette Kommandant Schmidtchen hatte ihr einen Schlafwagenplatz im Kurierzug besorgt und gegen 10. verfrachteten wir sie mit den Kindern in den kleinen DKW nach Rastenburg. Ich sehe die ganze Fuhre mit den Bälgern noch vom Hofe rollen! Die Reise ging auch ganz glatt. Mausi kam gleich wieder zurück -  Vgl. Dohna-Schlobitten, Alexander Fürst zu, Erinnerungen eines alten Ostpreußen, München 1989, 6. Aufl. Würzburg 2001, S. 279 ff.
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sie wollte durchaus wegen der Leute nicht weg und mit denen ev. trecken, damit sie einen Führer hätten.
Heini arbeitete schon einen Plan für die Belegung der Wagen aus. Ich gab ihm Karten bis an die Weichsel. Er wollte dableiben und dann zur Truppe. Wir wollten lieber, dass sie wegen ihres Zustandes in Torgau bei den Kindern bliebe. In dieser Zeit hatte ich noch ein herrliches Erlebnis. Ich fuhr morgens um 5 nach Steinort - ich glaub es war am 9.7. - in der ersten Sonne stand ganz dicht am Weg ein ganz kapitaler Bock und ließ mich ruhig auf nahe Entfernung von mir besehen. Ich wollte den Morgen mit Mausi und  Harriet Gräfin von Lehndorff
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im Weinhaus Trauben ausbeeren, trotz der Ungewissheit, wer sie auffuttern würde. Ich erzählte das Heini, den ich nachmittags nach Angerburg begleitete, wo wir Koffer in den Kurierzug verluden - und er meinte „ach schieß ihn doch‟. Er hatte schon immer von dem Bock erzählt, der für einen Großwürdenträger aufgehoben werden sollte.   Editorische Auslassung [...]

Am 18.7. schaffte ich es   Editorische Auslassung [...] zur Feier von Mausis Geburtstag da zu sein.   Editorische Auslassung [...] Ich traf unterwegs bei meinem Eilmarsch Sissi Dönhoff, die mich im Auto mitnahm. Wir saßen noch zwei Stunden gemütlich zusammen und ich machte mit Mausi Brüderschaft. Abends konnte ich wegen Dienst nicht hinkommen - es waren Fellgiebel u. a. da. Ribbentrop - der ungern gesehene Zwangsgast - hatte einen großen Korb mit Zigaretten und Schnaps geschickt. Am nächsten Tag verabredeten wir, dass Mausi am 20. mich auf der Rückfahrt von Angerburg mitnehmen sollte. Heini wollte nach Königsberg. Wir fuhren gegen 12 weg und Mausi war sehr aufgeregt und sagte, jetzt wäre etwas passiert! Und machte dunkle Andeutungen. Wir packten fieberhaft noch alles mögliche von ihren Sachen, u. a. die schönen kleinen Miniaturen als Wertgegenstände. Ich schleppte sie noch ins Auto. Sie wollte sie mir noch bringen, wenn sie nachmittags nach Angerburg führe, wo sie versuchen wollte, eine Ausreiseerlaubnis wegen ihres Zustandes vom Landrat zu bekommen. Mitten im Packen wurde ich ans Telefon gerufen und mein Feldwebel Huber sagte mir, ich solle sofort zurückkommen.   Editorische Auslassung [...] Mein unvorsichtiges Tagebuch und die vielen „hochverräterischen‟ Reden, die wir geführt hatten, gingen mir durch den Kopf.   Editorische Auslassung [...]

Ich fuhr dann auf dem Rückweg in Steinort vor, um zu berichten.   Editorische Auslassung [...] Ich ging mit Mausi in den Park und sie war außer sich - hatte nun schon am Radio gehört, dass es missglückte. Sagte mir, dass Heini in Königsberg sei als Verbindungsmann für Ostpreußen und da auf das Glücken der Sache gewartet hätte.   Editorische Auslassung [...]

Ich will hier einschalten, wie ich zum 20. Juli stand.   Editorische Auslassung [...] Wir standen zu Hause schon vor der Machtergreifung des Jahres 1933 dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüber. Das weitgehend sozialistische Programm, die wahnsinnige Hetze vor allem auch gegen die Besitzenden, womit sie ja letzten Endes die großen Massen gewannen (was wir bis nach Nausitz hinein in Wahlversammlungen erlebten und wovon sogar noch unsere Arbeiter jetzt im Krieg mit Empörung sprachen), vor allem die führenden Männer, die doch alles Menschen - große und kleine Führer - waren, die mit ihrem bürgerlichen Leben Schiffbruch gelitten hatten, leichtsinnig und verantwortungslos und desperadohaft - alles das passte uns nicht und ließ einen von vornherein schwarz sehen.   Editorische Auslassung [...] Trotzdem hat es Zeiten gegeben, wo man die Nazis zwar nicht liebte, aber doch zweifelhaft wurde, ob sie bei allen Fehlern nicht doch so viel Großes brächten, dass damit alles aufgewogen würde. Der Mut, mit dem mit neuen Mitteln die Arbeitslosigkeit bekämpft wurde, die Erlangung der Wehrhoheit, Rheinlandbesetzung und Anschluss Österreichs - das waren Dinge, die man nicht verneinen konnte. Trotzdem blieb immer die Angst vor Überspannung. Judenprobleme in dieser Art (obwohl wir ganz alte Antisemiten waren), Frage der Tschechei, viele Fragen der Innenpolitik, Kirchenfragen, der Gewissenszwang usw., die Furcht, in einen großen Krieg hineinzutreiben, ließen schnell den Hass gegen Hitler wachsen, der im Grunde nie geruht hatte. Tante Ehrengard Senfft nannte Hitler lange vor dem Kriege schon den „Antichrist‟, was ich nicht ablehnen konnte.   Editorische Auslassung [...]

Als ich mit Heini Lehndorff und Mausi näher bekannt wurde, fanden wir uns schnell auf dieser Basis.   Editorische Auslassung [...] Mit einem sich anbahnenden Zusammenschluss gegen Hitler wurde ich zuerst ca. im August 1943 bekannt. Ebi Breitenbuch, der Ordonnanz- Offizier beim Feldmarschall Kluge war, kam zu mir, ich solle mit Heini Lehndorff bereden, dass sich Kluge und Witzleben entweder bei ihm in Steinort treffen könnten oder beim Schwiegersohn Witzlebens bei Insterburg. Heini hatte an sich keine rechte Lust, wollte aber schließlich zu dem Schwiegersohn von Witzleben hinfahren Als Zweck war uns bekannt, dass sich die Leute zusammenfinden wollten, die gegen Hitler was unternehmen wollten. Ich wettete in dieser Zeit mit Mausi, die behauptete bis Weihnachten habe sich die ganze Lage grundlegend gewandelt und es sei was Umwälzendes passiert. Sie wusste wohl schon mehr von bestimmten Absichten damals. Ich verneinte mehr aus allgemeinen Erwägungen und glaubte nicht, dass eine Verschwörung mit Erfolg möglich sei, da ich nicht an den Mut der Feldmarschälle glaubte.   Editorische Auslassung [...]

Dass Heinrich Lehndorff sich sehr eingehend für die Ausführung unserer Gedanken einsetzte, war mir bekannt. Er sagte mir wiederholt, dass Leute zu ihm aus Berlin gekommen waren, die mit ihm sprachen und die teilweise ahnungslos über die Verhältnisse bezüglich der Ausführlichkeit waren. Ich hatte oft das Gefühl, dass er mich näher in die Sache einbeziehen wollte. Im März sprachen wir mal sehr eingehend über alles - ich sehe es noch, wie wir auf dem Eis des Steinorter Sees entlang gingen und das Rohrschneiden ansahen - wo er mich direkt aufforderte mitzumachen und mich fragte, ob ich eventuell selbst schießen würde. Als ich nicht mit vollen Segeln ihm entgegenkam, war er noch sehr ärgerlich und sagte, ich gehöre also auch nicht zu den Hundertprozentigen. Ich entgegnete ihm, er kenne meine Einstellung genau, aber ich bezweifle, dass die Sache gut ginge, wenn sich die Soldaten nur, insbesondere die Feldmarschälle, der Sache annähmen.   Editorische Auslassung [...] Wir kamen die nächste Zeit wenig auf die Sache zurück, wenn auch das Ziel gleich blieb. Ich sollte Heusinger bearbeiten bzw. Heini an ihn ranbringen.   Editorische Auslassung [...] Dann redete er mir noch lebhaft zu, ich solle Tresckow, den Chef der 2. Armee, der gut befreundet mit Heini war und den ich auch sehr gut kannte, als Vertreter Heusingers propagieren, während der im März zur Kur war.   Editorische Auslassung [...]

Heini Lehndorff war übrigens der Überzeugung, dass die Sache gut vorbereitet sei und sich ein sehr großer Kreis zur Verfügung gestellt habe. Er war andauernd in Berlin und kurz vor dem 20.7. nochmals bei der 2. Armee und bei dem Bruder Fellgiebel auf dem berühmten polnischen Gestüt ... Dass all diese Reisen Kurierreisen waren für die Sache 20.7. wurde mir erst später klar.