In der Nacht war Lehndorff in Landkeim eingetroffen. Es eröffnet sich jetzt für mich ein ganz neues Leben. Ich sehe, dass meine Angelegenheiten es erfordern, dass ich Berlin und den Hof verlasse, bin aber mit allem noch ganz im Unsicheren. Am folgenden Tage holt mich der Staatsminister Schlieben von Landkeim ab, und wir reisen nachmittags nach Königsberg. Dort halte ich mich acht Tage auf und mache die Bekanntschaft des Herrn Kirschkopp, den meine verstorbene Mutter als Sachverwalter für uns bestimmt hatte. Endlich reise ich auf abscheulichen Wegen nach Sanditten, von da nach Gerdauen, wo ich meinen Sohn finde, worüber ich mich herzlich freue.

An einem Montag, noch im März, begebe ich mich nach Steinort. Voll Wehmut lange ich an; es ist doch schmerzlich, den Wohnsitz seiner Mutter wiederzusehen und sie da nicht mehr zu finden. Tausenderlei Geschäfte, die ich hier zu erledigen habe, steigern dieses Gefühl noch, kurz, ich sehe, dass hier wie überall im Leben Dornen an den Rosen sind. Ich brauche 6 Wochen, um mich über alles zu orientieren und zu informieren.

Im Mai begebe ich mich nach Königsberg, um meine Angelegenheiten so gut als möglich in Ordnung zu bringen. Ich setze mich mit meinen Schwestern auseinander, wobei ich mich bald außer Atem schreien muss, um mit ihnen ins Reine zu kommen.

Während ich in Königsberg bin, bricht dort eine gewaltige Feuersbrunst aus, die über 180 Häuser einäschert. Ein furchtbareres Schauspiel habe ich in meinem Leben nicht gesehen.  Kommerzienrat Friedrich Franz Saturgus. Ihn hatte Kant 1766 als Custos seines berühmten Naturalien-Kabinetts gewonnen, vgl. GStA PK, XX. HA, Rep. 300 Mühlpfordt, Nr. 4: Mühlpfordt, Herbert Meinhard, Kant und sein Königsberger Freundeskreis ((Ms. des Vortrags in der Kantgesellschaft am 20. Oktober 1979 in Bonn).
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Wir waren alle bei Saturgus eingeladen
und wollten uns eben zu Tisch setzen, als man uns meldete, dass es brenne, aber außerhalb der Stadt, im Posthause. Man ging dann ruhig zu Tisch, aber kaum waren wir beim ersten Gericht, da hatte das Feuer schon so gewaltige Fortschritte gemacht, dass die ganze Vorstadt in Flammen stand. Wir verließen die Tafel, und jeder kehrte, um sein Eigentum besorgt, nach Haus zurück. Die ganze Nacht verbrachten wir in größter Unruhe. Um 3 Uhr morgens legte ich mich endlich schlafen; um 7 Uhr weckte man mich aber von neuem mit der Meldung, dass unser Stadtviertel in Gefahr sei. Gegen 11 Uhr ließ jedoch die Gefahr nach. Als ich aber um 4 Uhr nachmittags etwas eingeschlafen war, wurde ich von neuem durch furchtbares Schreien geweckt und vernahm, dass das Feuer beinahe unser Haus erreicht habe. Tatsächlich brannte die ganze Borck'sche Meierei, und man musste sich auf alles gefasst machen, denn man glaubte bestimmt, dass Brandstifter am Werk seien, die die ganze Stadt anzünden wollten. Niemals habe ich so viel Jammer gesehen wir bei dieser Gelegenheit, und noch drei Wochen lang wurde man alle Augenblicke durch neue Brände in Schrecken gesetzt.

Nachdem wir in Königsberg unser Mobiliarvermögen geteilt haben, kehre ich nach Steinort zurück. Im Juli nehmen wir in Steinort die Teilung vor. Wenige Tage darauf kommen eine Menge Gäste an, der Bischof von Ermeland,  Möglicherweise Ludwika von Wreech, vgl. APO, Archiwum rodziny Dönhoff z Drogoszy pow. kętrzyński, Nr. 56.
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Fräulein v. Wreech
, der Abbé Pöppelmann, der Obermarschall Groeben und mehrere andere. Graf Schlieben aus Berlin, der eine Nichte von mir zur Frau hat, trifft gleichzeitig ein, während mein Neffe Schlieben aus Halle kommt und sich mit meiner  Luise Ernestine zu Ysenburg und Büdingen
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Nichte Ysenburg
verlobt. Das veranlasst mich zu einer Reise nach Königsberg, die ich nur ungern mache, da es mir von Tag zu Tag immer besser auf meinem Gut gefällt.

Ich fahre also nach Gerdauen, wo ich alle möglichen Fincks und Dohnas beisammen finde, speise dort und fahre dann nach Sanditten weiter. In fünf Wagen treffen wir zusammen in Königsberg ein. Sofort eile ich zu Keyserlingks und freue mich rührend, diese guten Leute hier wiederzusehen, nachdem sie in Warschau so viel haben durchmachen müssen. Die Verlobung der Ysenburg findet statt.

Nun begebe ich mich auf acht Tage nach Landkeim, wo mir das einsame Leben außerordentlich gefällt. Meine Frau kommt in andere Umstände. Nach Königsberg zurückgekehrt, schreibe ich an den König um meinen Abschied zu erbitten, und erhalte ihn zu meiner großen Freude.  Vgl. u. a. das Dokument vom 28. Oktober 1775
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Das ganze Königshaus schreibt mir aus diesem Anlass sehr schmeichelhafte Briefe.