Endlich erlebe ich einmal eine freudige Überraschung nach jahrelangem Kummer und Gram. Der König erteilt mir die Erlaubnis, nach Preußen zu reisen. Ich freue mich unendlich drauf, meine Heimat wiederzusehen und aus diesem Zanknest Berlin herauszukommen.

  Editorische Auslassung [...]

Nachdem ich den 27. zu Hause verlebt habe, reise ich am 28. um 4 Uhr von Berlin ab und übernachte in Oranienburg. In Zehdenick treffe ich mit einem Offizier vom Kavallerieregiment des verstorbenen Prinzen Heinrich zusammen, einem Herrn v. Trenck aus Preußen, der mir in rührenden Worten die Betrübnis schildert, die in seinem Regiment über das schmerzliche Ereignis herrscht. Am 29. komme ich um 8 Uhr abends in Prenzlau an. Ich halte mich einen Augenblick bei dem Oberst Blankenburg auf, bei dem ich Gröben und Winterfeld treffe, reise dann, nachdem ich die Pferde gewechselt, die ganze Nacht durch weiter und komme am 30. um 6 Uhr morgens in Stettin an. Mit Vergnügen sehe ich hier meine Schwester Podewils wieder, die mir einen herzlichen Empfang bereitet. Ihre jüngste Tochter hat sich sehr zu ihrem Vorteil verändert. Nachmittags besuche ich den General Puttkamer, bei dem ich am folgenden Tage mit dem Prinzen von Bevern zusammen speise. Dieser erzählt mir näheres über die Art und Weise, wie man dem König im Lager von Stargard den Tod seines Neffen mitteilte.

  Editorische Auslassung [...]

1. Juni. Ich speise beim Prinzen von Bevern mit einer ganzen Anzahl von Generalen Nachher sehe ich mir Schiffe an: Ich begebe mich auf das eines Holländers, der mich mit großer Freundlichkeit und der den Holländern eigenen Offenherzigkeit aufnimmt. Mit Bedauern sehe ich, wie der Handel infolge der Beunruhigung durch die Neuerungen der Franzosen zurückgeht. Ich mache auch mit dem Präsidenten Schöning Bekanntschaft, der sich äußerst nett gegen mich benimmt.

2. Juni. Ich verlasse Stettin und fahre direkt nach Treptow, der Residenz des Prinzen von Württemberg. Am 3. lange ich dort an und bin in großer Verlegenheit, ein Unterkommen zu finden, bis mich schließlich ein Herr v. Krummensee aufs freundlichste in seinem Haus aufnimmt. Der Prinz und die Prinzessin erweisen mir die größten Aufmerksamkeiten. Ich werde sofort von einer Equipage abgeholt, und da schon alle bei Tisch sind, erweist man mir die freundliche Rücksicht, so lange zu bleiben, bis ich mit dem Essen fertig bin. Die Familie des Prinzen zählt fünf Prinzen und drei Prinzessinnen, lauter prächtige Kinder. Man würde wirklich einen so hübschen und reizenden Hof, an dem ein so guter Ton herrscht wie hier in Treptow, wohl kaum in Pommern suchen. Ich treffe hier die Gräfin Skorzewska mit ihrer ganzen Familie. Sie hat zwei kleine Töchter, wahre Wunderkinder an Geist und Talent. In ihrer Begleitung befindet sich noch ein Onkel, ein sehr reicher polnischer Graf, der aus Neigung Kapuzinermönch geworden ist und der mir mit großer Lebhaftigkeit auseinandersetzt, dass er der glücklichste Mensch auf Gottes Erdboden sei. Den ganzen Nachmittag verbringe ich bei der Prinzessin, indem sie mir ihren Garten zeigt und, um mir ein besonderes Vergnügen zu bereiten, für den folgenden Tag einen Fischfang arrangiert. Kurz, man erweist mir so viel Aufmerksamkeiten jeglicher Art, dass es mir schwer wird, von Treptow wieder loszukommen. Am 4. nachmittags reise ich weiter. Ich hatte mir vorgenommen, ohne Unterbrechung bis Danzig durchzufahren, wie ich aber um Mitternacht in Köslin anlange, sind keine Pferde da, so dass ich übernachten muss. Am anderen Morgen lässt man mir früh um 5 Uhr schon sagen, der  Lehndorffs Schwester und Schwager
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Graf und die Gräfin Podewils
sowie Fräulein v. Morrien hätten gleichfalls in Köslin übernachtet und würden sich sehr freuen, mich zu sehen. Das war für mich eine zu angenehme Überraschung, um der Einladung nicht Folge zu leisten, und es war dann sofort beschlossene Sache, dass ich in ihrem Wagen Platz nahm und mit ihnen nach ihrem Landsitz fuhr. Das ließ sich alles vortrefflich einrichten, wir dinierten noch bei einem ehrsamen Bürger in Köslin, einer recht hübschen Stadt, und kamen dann um 5 Uhr nachmittags in Wusterwitz an. Ich hätte nie geglaubt, an der Grenze von Kassubien ein so hübsches Landgut zu finden - eine prächtige Lage, ein wohnliches Haus und Wirt und Wirtin reizend. Um indes ein gegebenes Wort einzulösen, ging ich noch am selben Abend zum Übernachten nach dem Gute Suckow, das einem anderen Herrn v. Podewils, einem Sohn des verstorbenen Staatsministers gehört. Hier fand ich eine ebenso herzliche Aufnahme. Das Haus ist gleichfalls schön, der Garten hat Wasserkünste, kurz, lauter Überraschungen, auf die ich hier in Pommern keineswegs gefasst war. Anderen Tags kehrte ich mit einem Geheimrat v. Behn nach Wusterwitz zurück. Fräulein v. Morien und ich besprechen zusammen die Vorgänge, die wir vor zwei Monaten miterlebt, und stellen Betrachtungen darüber an, wie angenehm es sei, nach all den Stürmen die Dinge an einem hübschen ruhigen Ort, ohne Bitterkeit und ohne Vorurteil zu besprechen. Fräulein v. Morien bleibt in Wusterwitz, um Herrn v. Kalckreuther zu erwarten, der hierher kommt, um sie zu heiraten. Am 6. Juni reise ich nach dem Abendessen von Wusterwitz ab, fahre über Zanow und komme um 3 Uhr morgens in Stolp an. Von dort fahre ich über Lupow, bin um 5 Uhr nachmittags in Lauenburg, reise noch die ganze Nacht durch und lange am 8. mittags in Oliva an, das eine wundervolle Lage hat. Ich steige in einem Gasthause ab. Da der Wirt mir weismacht, der Abt diniere um 12 Uhr, so bestelle ich mir im Gasthaus ein Mittagessen und lasse dann um 2 Uhr beim Abte, der aus dem Hause Rybinski stammt, anfragen, ob ich ihn besuchen könne. Er lässt mir sofort sagen, ich solle unbedingt zum Diner zu ihm kommen. Ich finde ihn königlich eingerichtet. Er hat eine große Gesellschaft zu Tisch, unter anderen den russischen Residenten Rehbinder, der mich während meines ganzen Aufenthaltes in Danzig mit Aufmerksamkeiten überhäuft. Nach dem Kaffee gehen wir im Garten spazieren, der an Schönheit alles übertrifft. Da sind erstaunlich hohe Spaliere, über die man überall einen Blick aufs offenen Meer hat, das an dieser Stelle immer von Schiffen bedeckt ist, da hier die Danziger Reede ist. Diese Aussicht lässt sich höchstens mit einer reizenden Operndekoration vergleichen, denn das die Natur etwas so Vollkommenes zustande bringen könnte, erscheint fast unglaublich. Ich beteilige mich nachher an mehreren Spielen und bin sehr erfreut über die Bekanntschaften, die ich hier mache. Um 6 Uhr begebe ich mich nach Danzig. Etwas so Schönes wie die Straße von Oliva nach Danzig gibt es nirgend wieder, rechts wie Gärten bepflanzte Höhen und links das offene Meer. Érst kommt man durch prächtige Vororte und dann durch eine sehr schöne Allee in die Stadt selbst. Im nehme im  Schiffergildehaus?
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Schippergilhaus
Quartier. Am folgenden Tage statte ich Herrn Rehbinder einen Besuch ab, der mich nach Langfuhr zu einer Frau Kammerherr v. Goltz mitnimmt. Hier treffe ich die Generalin Goltz, die Witwe des früheren sächsischen Gesandten Goltz, der kurz nach seiner Ernennung zum General der Konföderation der Dissidenten plötzlich starb. Sie ist in tiefer Trauer. Wir machen reizende Spaziergänge in den Bergen. Da heute der letzte Tag des Pfingstfestes ist, so ist alles von Spaziergängern belebt, was sich besonders hübsch ausnimmt. Nachher soupieren wir bei Frau v. Goltz, und ich kehre dann mit Herrn und Frau v. Rehbinder und deren Schwester, Fräulein v. Kalnein, die alle sehr liebenswürdig sind, nach Danzig zurück. Bei meiner Rückkunft finde ich die Pferde meiner Mutter und meines Schwagers, des Grafen Schlieben, vor, die mich hier abholen sollen. Ich schicke daher Fräulein Chaselons und die Sverus(?) nach Steinort voraus und soupiere bei Herrn v. Rehbinder in sehr guter Gesellschaft. Darunter ist auch ein dänischer Resident, ein sehr hübscher Mann. Am 11. speise ich in Ohra zu Mittag bei einem sehr reichen englischen Kaufmann, Herrn Gibson, mit seiner ganzen Familie. Eine Tochter von ihm hat einen Baron Keyserlingk geheiratet; sie ist eine hübsche Frau. Abends speise ich bei Herrn Rehbinder. Ich mache die Bekanntschaft unseres Residenten, des Herrn Junk, der ein sehr eingebildeter Mensch ist und wegen seines schlechten Benehmens gegen die ganze Stadt in Danzig verabscheut wird. Ferner lerne ich noch die Fürstin Sanguszka, eine sehr reiche und sehr liebenswürdige Dame, kennen. Als eine geborene Dönhoff ist sie eine Verwandte von mir. Sie ist von ihrem Gatten geschieden und hat Danzig als Wohnsitz gewählt. Ich werde von ihr mit Aufmerksamkeiten überhäuft und zu einem Fastenmahle eingeladen, was eine ganz vortreffliche Sache ist. Dabei lerne ich eine junge polnische Gräfin kennen, welche die Prinzessin bei sich hat, eine reizende und geistreiche Dame, die mich vortrefflich unterhält. Die Fürstin ist außerordentlich fromm und besonders für die Jesuiten eingenommen, von denen sie immer einen in ihrer Begleitung hat. Als wir auf die Religion zu sprechen kommen, zitiert mir dieser alle ihre guten Autoren, ich versichere ihm aber, dass ich diese zwar auch kenne, aber in katholischen Dingen  Blaise Pascal
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Pascal
als meinen besonderen Gewährsmann betrachte. Sobald er diese Namen hört, geht er sofort auf ein anderes Thema über, und von Religion ist nicht weiter die Rede.

Ich suche einen alten Oberst Krockow auf und mache noch verschiedene andere Besuche. Danzig gefällt mir ausgezeichnet. Der holländische Resident, Herr Zoermans(?) bezeigt mir tausend Freundlichkeiten. Er gibt mir mit seiner ganzen Familie ein großes Mahl in seinem Garten bei Oliva, der auch eine wunderbare Lage und Aussicht auf das offene Meer hat und voll köstlicher Früchte ist. Das Mahl verrät den gutbürgerlichen Danziger Geschmack; es gibt Rheinwein mit Zucker und viele schlecht servierte Gerichte. Ich sehe indes immer auf die gute Absicht des Gastgebers, und diese lässt nichts zu wünschen übrig.

Nachdem ich so Danzig gründlich durchstreift habe, reise ich am 14. Juni wieder weiter. Ich fahre durch die reichen Güter des Werders, die nur in Holland ihresgleichen haben, und komme abends in Elbing an, das eine recht hässliche Stadt ist. Am 15. breche ich um 5 Uhr morgens wieder auf und bin um 11 Uhr in Preußisch-Holland, wo ich auf einen Augenblick beim Hauptmann Kunheim absteige. Ich treffe hier den jungen Grafen Wartensleben, einen Sohn unseres Oberhofmeisters, der Schulden halber aus dem Garderegiment Tadden ausscheiden musste und sich hier in Preußen sehr unglücklich fühlt, während ich den Augenblick nicht erwarten kann, wo ich wieder mit meiner Familie zusammen bin. Die Veranlagung des menschlichen Geistes wirkt eben verschieden auf unsere Herzen. Am gleichen Tage komme ich noch zum Diner beim Grafen Dönhoff in Quittainen, einem alten Bekannten von mir, dessen Wiedersehen mir Freude macht. Sein Haus ist sehr gut bestellt und seine Gattin eine vortreffliche Frau. Ich beschließe meinen Tag bei ihnen recht angenehm. Anderen Tags fahre ich nach Carwinden, wo die verwitwete Gräfin zu Dohna-Schlodien, geborene Gräfin Schwerin, eine alte Bekannte von mir, wohnt. Zu Mittag komme ich in Schlodien an und werde mit größter Freundlichkeit aufgenommen. Der regierende Graf ist der rechtschaffendste Mann, den es nur geben kann, und seine ganze Gesellschaft setzt sich aus vortrefflichen Personen zusammen, denen man sofort ansieht, dass sie aus sehr vornehmem Hause sind. Vgl. Foelsch, Torsten, Schlodien & Carwinden. Zwei Schlösser in Ostpreußen und die Burggrafen und Grafen zu Dohna, Groß Gottschow 2014; Dohna, Lothar Graf zu, Die Dohnas und ihre Häuser, 2 Bde., Göttingen 2013.
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Ich bin entzückt von allem, was Dohna heißt.
Da ist die Tante des Grafen, die Gräfin Sophie, die am Hofe Friedrich I. aufgewachsen ist und noch das ganze feine Wesen jener Zeit an sich hat. Sie erzieht eine sehr hübsche und reizende Nichte, die Tochter des verstorbenen Generals Dohna. Ferner sind da zwei liebenswürdige Gräfinnen v. Carolath; die eine ist die Schwester der regierenden Gräfin und die andere eine Schwester von ihm. Nachmittags fahre ich nach Schlobitten. Dieses prachtvolle  Vgl. Dohna, Alexander zu, Grommelt, Carl, Mertens, Christine von, Das Dohnasche Schloß Schlobitten in Ostpreußen. Bau- und Kunstdenkmäler des Deutschen Ostens, Reihe B, Band 5, Stuttgart 1965.
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Schloss
zeigt noch den Glanz, in den diese Familie zu Friedrich I. Zeiten lebte; der   Abraham zu Dohna ließ 1622 bis 1624 das erste Schloss im frühbarocken Stil nach holländischen Vorlagen errichten. Das Aussehen des Schlosses ist durch eine Zeichnung des Bauherrn überliefert. In den Bau wurden Kellergewölbe des Vorbaus aus dem 16. Jahrhundert integriert. Im polnisch-schwedischen Krieg wurde das Schloss von Plünderern verwüstet und nur notdürftig wiederhergestellt. Während nach seinem Tod seine Witwe Teile des Anwesens noch einige Jahre bewohnte, residierte sein Neffe und Erbe Friedrich von Dohna am Genfer See. Erst dessen Sohn Alexander zu Dohna-Schlobitten baute die Ruine 1695 bis 1722 im Stil des Hochbarock nach Entwürfen von Jean Baptiste Broebes wieder auf, erweiterte das Gutshaus um eine zweite Galerie und setzte zwei rechtwinklig anschließende Flügel an, so dass das Gebäude einen Ehrenhof hufeisenförmig umschloss. Der weitere Ausbau ab 1704 erfolgte unter der Leitung von Johann Caspar Hindersin. Der äußere Marstallhof wurde mit niedrigen Verbindungstrakten umgeben, das Herrenhaus um ein drittes Geschoss erweitert und ein Mansarddach aufgesetzt.
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Marschall Graf Dohna hat es erbauen und einrichten lassen.
Sein Enkel, der jetzige Besitzer, ist abwesend, aber ein französischer Offizier, den er im Dienst hat, macht den Wirt. Am folgenden Tag fahren wir nach dem Mittagessen nach Lauck, wo eine andere Linie der Dohna ihren Sitz hat, und wo ich eine ebenso freundliche Aufnahme finde. Alle diese Häuser sind sehr hübsch eingerichtet und haben alle schöne Gärten. Am 18. reise ich von Schlodien ab, tief gerührt von der Freundlichkeit der ganzen Familie Dohna. Der Graf erweist mir dazu noch die Aufmerksamkeit, mir Pferde zu stellen, wodurch meine Reise bedeutend beschleunigt wird. Ich fahre durch das Bistum Ermland. In Heilsberg feiert man das Fronleichnamsfest und ich komme gerade zu einer schönen Prozession. In Schippenbeil, wo der Oberstleutnant Rohr mich sehr freundlich aufnimmt, will ich übernachten, da aber Pferde von Steinort dort eintreffen, so reise ich weiter, komme nachts in Dönhoffstädt an, das ein  Vgl. Lorck, Carl von, Die deutsche Herrenhäuser. Band 1: Herrenhäuser Ostpreussens. Bauart und Kulturgehalt. Mit beschreibendem Verzeichnis, Königsberg 1933.
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prachtvolles Schloss
ist, und am anderen Mittag treffe ich glücklich in Steinort ein. In Drengfurth fand ich schon die Mehrzahl meiner Bauern vor; sie warteten zu Pferde auf mich, um mir das Geleite zu geben, und ich war tief gerührt über diesen Beweis der Anhänglichkeit der armen Leute. In der großen Allee traf ich meinen Schwager Schlieben mit seiner Familie und meinen Nichten Ysenburg, die mich alle aufs herzlichste begrüßten, und im Dorfe kam mir auch meine Schwester Schlieben entgegen, die ich seit 17 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Eine unendliche Rührung überkam mich, besonders, als ich an das Bett meiner kranken Mutter trat. Ein so herrliches Gefühl wie die Freude, des Wiedersehens geht über alle Freuden und Genüsse, welche die große Welt gewöhnlich bietet und die stets von Missgunst, Ärger und Verdruss begleitet sind.

Mit süßem Behagen genieße ich das Landleben, das ich tausendmal angenehmer finde, als ich es mir gedacht hatte. Ich lasse im Garten einige Veränderungen vornehmen, lasse Alleen aushauen und bin so mit Leib und Seele bei diesen Arbeiten, dass ich mit Josua ausrufen möchte: Sonne, bleibe stehen! Eine wahre Angst erfasst mich, wenn ich so einen Tag um den andren verfliegen sehe. Meine Nachbarn kommen zu mir auf Besuch, unter anderen ein Major Graf Schlieben vom Regiment Tettenborn, ein sehr liebenswürdiger Herr. Die Gesellschaft meiner Nichten bereitet mir ebenfalls viel Vergnügen; es sind anmutige, unschuldsvolle und hübsche junge Mädchen. So habe ich nach all dem Leid, das mir widerfahren, doch wieder einmal ein paar frohe Tage. Aus Berlin schreibt man mir, dass die  Vgl. Militär und Gesellschaft in Preußen Quellen zur Militärsozialisation 1713 - 1806. Archivalien in Berlin, Dessau und Leipzig, hrsg. von Jürgen Kloosterhuis, Bernhard R. Kroener, Klaus Neitmann und Ralf Pröve, bearb. von Peter Bahl, Claudia Nowak und Ralf Pröve, Berlin 2015.
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Affaire Schmettow bezüglich der Misshandlung des Knaben nun entschieden und er zu drei Monaten Festungshaft in Spandau verurteilt worden ist.
Herr v. Larrey ist in Berlin angekommen, um für den Prinzen von Oranien um die Hand der Prinzessin Wilhelmine anzuhalten. Die Feste, die bei dieser Gelegenheit veranstaltet werden, locken mich nicht im geringsten; einen Tag in unserem Steinorter Garten spazieren zu gehen, ist mir lieber als aller Berliner Festlichkeiten.

Julie. ich mache mit meiner Schwester Schlieben, ihren beiden Töchtern und meinen Nichten Ysenburg einen Besuch in Dönhoffstädt. Die schönen Promenaden und der prächtige Park dieses Ortes bereiten uns einen köstlichen Tag. Am folgenden Tag begeben wir uns nach Heiligelinde, einem hierzulande berühmten Markte. Hier treffe ich eine große Zahl unseres Adels, darunter ziemlich lächerliche Persönlichkeiten, so eine Frau v. Hirsch, geborene Gräfin Geßler, die beschuldigt wird, ein paar Ohrringe gestohlen zu haben. Auch die Obermarschallin Gröben, geborene Gräfin Truchseß, ist da, eine reizende Dame, die am größten Hofe glänzen könnte. Der Ort liegt prächtig, und wir gehen lange darin spazieren. Anderen Tags gehe ich mit meinem Schwager und meiner Schwester nach Prassen zu einem Freiherrn Eulenburg. Dieses Gut ist gleichfalls sehr hübsch. Abends begeben wir uns wieder nach Donhoffstädt, und Tags darauf kehre ich mit Vergnügen nach Steinort zurück, wo es mir doch immer am besten gefällt.

10. Juli. Herr von Klinckowström, Hauptmann im Regiment Lehwald, ein sehr achtungswerter Mann, den ich seinerzeit als Adjutanten des Prinzen Heinrich kennengelernt hatte, besucht mich. Er erzählt mir, er plane eine Reise nach Polen und besonders nach Bialystok, der Residenz des Großleutnants Branicki, des Schwagers des Königs von Polen. Kurz entschlossen erkläre ich mich bereit, ihn zu begleiten. Graf Schlieben macht die Reise mit. Die erste Nacht bleiben wir in Lawken, einem königlichen Amt bei Rhein. Die dortige Amtmännin Scholtz nimmt uns sehr freundlich auf. Ihre Tochter, die nach sechswöchiger Ehe mit dem Baron von Eulenburg auf Romsdorf sich von diesem hat scheiden lassen, ist eine recht sonderbare Person. Sie unterhält uns mit der Erzählung ihrer sämtlichen Abenteuer mit ihrem Baron. Wir reisen weiter, passieren den  Durch einen engen Kanal ist der Spirdingsee mit dem Nikolaiker See, dem Beldahnsee und dem Lucknainer See verbunden.
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Spirdingsee und den neuen Kanal, der dem Lande von geringem Nutzen zu sein scheint,
und übernachten dann in Arys, einer kleinen Stadt an der polnischen Grenze, die noch zu Preußen gehört und eine Garnison vom Regiment Malachowski hat. Wir logieren beim Bürgermeister. Am folgenden Tag kommen wir mittags in Bentschkowo in Polen an. Das Gasthaus gehört einem Edelmann. Wie sehen Towarcy darin, eine Art polnischer Miliz, die sich hier noch immer erhalten hat. Ich finde Polen in einem viel besseren Zustande, als ich es mir gedacht hatte. Die Felder sind gut bestellt, die Herbergen ziemlich sauber und das Volk sehr dienstfertig. Wir übernachten in Ossowez, wo der Amtmann, gleichfalls Jude, uns alle möglichen Bequemlichkeiten verschafft. Er lässt und zum Übernachten eine Scheune recht sauber herrichten. Am folgenden Tage überschreiten wird in Booten den Bobr, einen ziemlich großen Fluss, und speisen zu Mittag in der polnischen Stadt Knyschin, einem abscheulichen Nest mit Holzhäusern, die so leicht gebaut sind, dass man glaubt, der geringste Wind müsse sie umwerfen. Regen und Schnee dringen überall durch, aber das Volk ist daran gewöhnt und fühlt sich nicht unglücklich dabei. Die Juden verwalten sämtliche Ämter.  Vgl. Hanna, Georg-Wilhelm, Ministerialität, Macht und Mediatisieren. Die Ritteradligen von Hutten, ihre soziale Stellung in Kirche und Staat bis zum Ende des Alten Reiches Dissertation, Hanau 2007
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Die Stadt gehört den Czapski, einer in Polen sehr angesehenen Familie, aber der jetzige Besitzer ist aus dem Lande verbannt und seine Güter sind daher ganz in Verfall.
Nachmittags kommen wir nach Dobrzniew, seinem früheren Wohnsitz. Das Schloss samt der dazu gehörigen Stadt bildet eine vollkommenen Ruine. Sämtliche Häuser sind eingestürzt, und das Schloss, das ein schöner Bau im italienischen Stil war, könnte jetzt ebenso gut in Herculanum stehen. Man sieht noch die Spuren eines sehr schönen Gartens. Trotz der damit verbundenen Gefahr treten wir in das Schloss ein, wo man noch schöne Skulpturen und Goldverzierungen sieht, die der Zeit widerstanden haben. Die Bibliothek ist noch vollständig erhalten; es sind hübsche Statuen, schöne Schränke und viele Goldverzierungen zu sehen, aber da der Schlüssel dazu verlegt ist, so kann ich mir über die Auswahl der Bücher kein Urteil verschaffen. Wir scheiden wieder von diesen Resten vergangener Pracht, überschreiten nochmals den Bobr auf einer eine halbe Viertelmeile langen Brücke und langen gegen 5 Uhr abends in Bialystok an. Die Alleen sind prächtig, Sobald man das Gebiet des Großhetmanns Branicki betreten hat, ist von der bekannten polnischen Liederlichkeit nichts mehr zu spüren. Die Gebäude sind schön, und   Vgl. Büsching, Anton Friedrich, Auszug aus einer Erdbeschreibung. Erster Theil, welcher Europa und den nordlichen Theil von Asia enthält. Hamburg 1771.
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Herr Büsching hat recht, wenn er diesen Ort das Versailles Polens nennt.
Es ist eine schöne Stadt, die in mancher Hinsicht an Leipzig erinnert. Vor dem Rathaus ist ein großer, mit einer Statue der Gerechtigkeit geschmückter Platz. Auf dem Paradeplatz steht das Standbild des Mars. Die schnurgeraden und mit Bäumen bepflanzten Straßen haben schöne Läden. Man findet hier fast alle Nationen vertreten. Ich bin höchst überrascht, einen so hübschen Ort hier zu finden, der sicherlich bekannter zu werden verdiente. Was zu dem Übrigen nicht passt, das sind die Gasthäuser, die Juden gehören und denen es darum an den nötigen Bequemlichkeiten fehlt. In unserer großen Betrübnis erfahren wir, dass der Großhetmann abwesend ist und seine Gemahlin ebenfalls. Dieser ganze Hof hat sich nach Wengrow begeben, um die Konföderation gegen den König zu unterstützen. Wir müssen uns also mit dem Vergnügen trösten, das uns die Besichtigung der Schönheiten dieses Ortes bereiten wird. Der Kommandant, Oberst Zakrzewski, lässt und sofort bergüßen, worauf wir ihn besuchen. Er stellt uns seine Gemahlin und seine Tochter vor, die eine wahre Schönheit und ein Muster guter Erziehung ist. Wir erfahren hier, dass eine junge Prinzessin Poniatowski, eine Tochter des Oberkammerherrn und Nichte des Königs, sich mit ihrer Gouvernante in Bialystok aufhält. Ich schicke sofort zu ihr und lasse fragen, wann ich ihr meine Aufwartung machen könne. Unterdessen begeben wir uns in den Park, und ich bin überrascht über seine Schönheit und Großartigkeit und den Geschmack, der überall herrscht. Gebäude, Gärten, Alleen und Kolonnaden, alles ist einer königlichen Residenz würdig. Der Park ist vor allem so großartig, dass ich ihm in ganz Deutschland nur den Potsdamer und den Kasseler vorziehen würde. Auf unserem köstlichen Spaziergang stoßen wir alle Augenblicke auf neue angenehme Überraschungen. Mittlerweile hat die Prinzessin hergeschickt und lässt uns begrüßen und für den folgenden Tag zum Diner einladen. Der Kommandant hat die Freundschaft, uns zum Frühstück einzuladen. Um 11 begeben wir uns ins Schloss, die Janitscharengarde steht unter dem Gewehr, und wir werden zu der jungen Prinzessin geführt. Sie ist ein reizendes Kind und ihre Gouvernante, Frau Munier aus Lothringen, eine feingebildete Dame. Man zeigt uns das ganze Schloss. Seine prachtvolle Ausstattung ist ganz in französischem Stile gehalten; man glaubt sich förmlich nach Paris versetzt, wenn man diese reichen Möbel und diese Einrichtung der Zimmer vor Augen hat. Wir verbringen diesen Tag sehr angenehm. Ich mache die Bekanntschaft des Herrn Husarzewski-Postolniko, eines sehr freundliche Alten, sowie der Generale Puschetti(?) und Raucourt, die alle zum Hofe des Großhetmanns gehören. Wir besichtigen das Opernhaus, das sehr hübsch gebaut ist, sowie die prächtigen Lustschlösser im Park. Alles verrät eben den großen Herrn. Er hat ja auch 1.200.000 Rubel an eigenem Einkommen ohne das, was ihm seine Ämter und Starosteien einbringen; im Ganzen verfügt er demnach über ganz gewaltige Summen. Der Kommandant macht uns den liebenswürdigen Vorschlag, uns auch die übrigen Schlösser des Großhetmanns zu zeigen. Nachdem wir bei ihm gefrühstückt und in Bialystok die herrliche Kirche besichtigt haben, fahren wir zunächst durch eine sehr schöne Allee nach Bisovistok. Es ist das ein nett ausmöbliertes niedliches Häuschen, ringsum mit Lauben umgeben und darüber eine Plattform mit einer Galerie, von der man einen prächtigen Blick ins Land hat. Überall herrscht größte Sauberkeit, was ich in Polen von allem am wenigsten erwartet hätte. Von hier gehen wir nach Choroszcz, einem zum Witwensitz der Gemahlin des Großhetmanns bestimmten Schlosse, das anderthalb Meilen von Bialystok entfernt ist und, obwohl in ganz anderem Stil gehalten, dem ersteren an Pracht und Großartigkeit nicht nachsteht. Bevor man zum Schloss gelangt, kommt man zunächst durch eine schöne Allee, an deren Ausgang man ein Hauptgebäude und sechs Seitengebäude, je drei an jeder Seite, vor sich hat. Eine Steinbrücke führt zum Eingang. Beim Eintritt in den Garten staune ich über den reizenden Blick, den der Garten und besonders seine Perspektive dem Beschauer bietet. Der ganze Garten war früher ein Sumpf, und er ist deshalb auch noch von breiten Kanälen umgeben und durchzogen, auf denen man in reizenden Gondeln spazieren fährt. Das Schloss ist nicht so groß wie prächtig. Seine innere Einteilung ist vortrefflich. Es hat zwei Stockwerke. Das obere enthält die Fremdenzimmer, während in den unteren die Räume ungefähr folgendermaßen verteilt sind: Rechts und links vom Eingang ist je eine Garderobe, nach vorn liegt der in grün und gold möblierte Mittelsaal mit chinesischen Figuren, an ihn schließt sich rechts das Vorzimmer der Prinzessin an, das in Pekingseide mit gemalten Blumen auf weißem Grunde gehalten ist, links das Vorzimmer des Herrn. Zwischen den Vorzimmern und den Garderoben befindet sich auf beiden Seiten noch je ein Nebenzimmer, das auf der rechten mit einer Nische. Die Seitengebäude sind alle gut ausmöbliert und sehr praktisch eingerichtet. Nachdem wir unseren Rundgang durch sämtliche Gebäude beendet haben, begeben wir uns zum Amtmann, der uns ein sehr gutes Mittagessen vorsetzt. Nachher kehren wir wieder nach dem Garten zurück, gondeln auf dem Kanal und besichtigen dann die sehr schöne Kirche, die der Großhetmann ganz neu hat bauen lassen. Von dort gehen wir zur Fasanerie, die über 100 Fasanen zählt und einen prächtigen Park hat. Hier befindet sich noch ein weiteres hübsches Haus. Dann kehren wir nach Bialystok zurück und steigen am großen Park ab, wo wir die junge Prinzessin und den ganzen Hof beisammen finden. Frau Munier, ihre Gouvernante, ist eine so liebenswürdige und geistvolle Frau wie kaum eine zweite; ich unterhalte mich lange mit ihr. Obgleich wir am folgenden Tage in aller Frühe abreisen wollen, ladet man uns nochmals zum Diner ein, um uns noch eine Menge Dinge zu zeigen, die uns entgangen sind. Am selben Abend speisen wir beim Kommandanten, Herrn Zakrzewski, der uns ein ausgezeichnetes Souper gibt, obgleich alle 10 Gerichte aus Kalbfleisch bereitet sind. Von Wengrow sind Nachrichten eingetroffen, nach denen der Großhetmann entweder nach Warschau weiterreisen oder zurückkehren wird. Herr v. Klinkowström beschließt deshalb, noch in derselben Nacht abzureisen, um ihn noch in Wengrow anzutreffen, da er von dort nach Warschau weiterreisen will. Er verabschiedet sich daher von uns und wir verbringen die Nacht noch im Weißen Schwan. Nachdem wir am folgenden Tage nochmal bei unserem guten Kommandanten gefrühstückt haben, besteigen wir den Wagen und durchstreifen alle die ungeheuren Parke, die eine Ausdehnung von anderthalb Meilen haben und Hirsche, Damhirsche und Rehe in Menge beherbergen. Dann fahren wir bei sämtlichen Kavalieren vor und besuchen auch eine Sängerin. Wir dinieren bei der Prinzessin, und nachdem wir uns von ihr verabschiedet haben, sehen wir noch den Tänzen junger Polen und Polinnen zu, die für ein Opernballet eingeübt werden. Auch eine sehr schöne italienische Sängerin besuchen wir noch. Sehr befriedigt treten wir dann unsere Rückreise an, übernachten in Kunschin, überschreiten am folgenden Tag den Bobr bei Ossowez, wo wir zu Mittag speisen, und kommen abends in  Chorzelen?
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Schtschutschn
an, einer kleinen Stadt an der preußischen Grenze, wo wir übernachten. Ich besuche hier das Jesuitenkloster, mit welchem ein Kolleg verbunden ist, in dem die polnische Jugend erzogen wird und das zur Zeit über 200 Schüler hat. Am folgenden Tage kommen wir nach Drygallen, wo uns der Amtmann Safran zum Kaffee einladet. Zu Mittag sind wir in Arys und abends in Lawken, wo wir bei der Baronin Eulenburg sehr gut aufgenommen werden. Wir übernachten hier und fahren am folgende Tag zu einem Herrn v. Follert, bei dem wir zu Mittag zu speisen gedachten. Da wir aber bemerken, dass wir den Wirt in Verlegenheit bringen, so steigen wir schleunigst wieder in unseren Wagen und speisen sehr einfach im Rosengarten. Am 18. um 4 Uhr nachmittags lange ich wieder in Steinort an und freue mich, wieder glücklich zu Hause im Kreise meiner Familien zu sein. Mit köstlichem Behagen genieße in die Reize des Landlebens. Nachts schlafe ich mit dem Grafen Schlieben auf einer kleinen Insel, die wir in der Mitte eines großen Sees haben. Es ist das die reizendste Einsiedelei, die es nur geben kann; man hat hier das Gefühl, als sei man der einzige Mensch auf der Welt. Den ganzen Vormittag fahren wir im Boot auf dem weiten See umher und durchstöbern die Inseln, die darin liegen. Es handelt sich um den Pächter Columbas in Amalienruh, vgl. LASA, StA L, Bestand 21950 FA Lehndorff, Nr. 270, Bl. 1.
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Auf einer von ihnen hat ein Mann namens Collumbus eine ganz hübsche Ansiedlung gegründet; er hat ein Haus gebaut, Felder hergerichtet und einen Garten angelegt.
Mit der Zeit können wir daraus eine Erhöhung unserer Einkünfte erzielen. Nachmittags kommt meine Schwester mit meinen Nichten zu uns herüber, die uns mitteilen, dass wir am folgenden Tag nach Angerburg zum Diner zu Herrn v. Gröben eingeladen sind. Diese Nachricht kommt uns sehr unerwünscht, denn wir hatten vor, noch einige Tage in unserer reizenden Einsiedelei zu verbleiben.  Im Sommer 1706 war auf dem dortigen Werder ein Gartenhaus erbaut worden, vgl. GStA PK, XX. HA, Rep. 54 Gutsarchiv Lehndorff-Steinort, Nr. 316 (Vertrag von Maria Eleonora Gräfin Lehndorff mit dem Baumeister Hedaman, 18. Juli 1706).
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Anderen Tags begebe ich mich daher nach Pristanien, kleide mich dort um
und fahre mit meiner Mutter, die von Steinort hergekommen ist, nach Angerburg. Dort werden wir sehr freundlich aufgenommen und ich mache da die Bekanntschaft der Offiziere vom Regiment Tettenborn. Dieses Offizierskorps stellt das Berliner weit in den Schatten.  Generalleutnant Hans Heinrich von Katte, 1718-1741 Chef des in Angerburg stehenden Kürassierregiments Nr. 9, war vom preußischen König mit den Gütern Reußen und Thiergarten belehnt worden. Im Dezember 1734 verkaufte von Katte anscheinend das Gutshaus Reußen an den polnischen Kron-Schatzmeister Grafen von Ossolinski, (GStA PK, II. HA, Abt. 7 Ostpreußen und Litauen Gen.-Dir. II Nr. 5722), vielleicht als ein mögliches Quartier für den gestürzten König Stanislaus I. Leszczynski von Polen, dem Friedrich Wilhelm I. in Königsberg Asyl gegeben hatte; 1734 und 1736 hielt sich Stanislaus I., mit dessen Geleitschutz der preußische König von Katte beauftragt hatte, auch in Angerburg auf und wohnte dort im Schloss. Graf Franciszek Maxymilian von Ossolinski beherbergte im Gutshaus Reußen von ca. April 1736 bis zum Aufbruch aus Angerburg in sein neues Herzogtum Lothringen am 5. Mai 1736 Stanislaus I. Leszczynski eine Zeitlang und folgte ihm später nach. Wahrscheinlich hat von Katte dann das Gut zurückerlangt. - Für die Anmerkung danke ich Dr. Torsten Woitkowitz, Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Zu Reußen: https://ostpreußen.net/ostpreussen/orte.php?stadt=45. - Das Gutshaus in Ruska Wieś ist erreichbar über die Straße Przemysłowa, die direkt in den Gutshof mündet (Gebäude Nr. 17).
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Bei Angerburg sehe ich ein sehr hübsches Gut, das Reußen heißt und das König Stanislaus einst verschönert und bewohnt hat.

August. In aller Ruhe genieße ich das Landleben. Ich reite aus, sehe bei der Ernte zu und fahre auf dem See spaziere, kurz, es gefällt mir in Preußen ausgezeichnet, und wenn Gott es so will, werde ich mit Freuden hier bleiben. Ich bekomme oft Briefe von Berlin. Was ist das doch für eine Welt der Aufregungen   Editorische Auslassung [...] und ich freue mich unendlich, diese Tage in meiner Waldeinsamkeit tausendmal glücklicher zu verbringen, als wenn ich mit in diesem Trubel wäre. Der einzige Kummer, der mich plagt, ist der Gedanke, bald nach Berlin zurückkehren zu müssen, um der Feier der Vermählung der Prinzessin Wilhelmine beizuwohnen. Alle diese Feste haben nicht den geringsten Reiz mehr für mich, und schon der Gedanke, daran teilnehmen zu müssen, verdirbt mir die Laune.

Ich bleibe noch bis zum 24. August in Steinort im wonnigen Genusse der Einsamkeit. Dann reise ich mit meiner ganzen Familie nach Gerdauen, einem schönen Schlosse, das dem Grafen Schlieben, dem Bruder meines Schwagers, gehört. Hier wohnte früher eine Prinzessin von Hessen-Homburg, die mit dem Onkel des Grafen verheiratet war. Am folgenden Tag reise ich nach Sanditten. Unterwegs kommen wir durch einen dem Grafen Schlieben gehörigen Wald, in welchem das prächtige Schloss Georgenberg steht, das so einsam daliegt, dass es einen an die Zeiten der Einsiedler erinnert. Wir nehmen hier einen Imbiss ein und kommen dann nach Sanditten, einem prachtvollen Landsitz mit einem schönen, ganz modernen Schlosse mit geräumigen, sehr gut ausgestatteten Gemächern und einer wundervollen Aussicht auf weite, von den anmutigen Windungen des beständig mit Schiffen bedeckten Pregelflusses durchzogene Wiesengelände und auf die Stadt Wehlau jenseits des Flusses. Mit einem Wort, es ist ein wahrer Fürstensitz. Meine Schwester und ihr Gatte bewirten uns hier großartig. Wir haben immerfort gute Gesellschaft, besonders aus der nahen Garnison Wehlau, deren Zierde Frau v. Hirsch und Frau v. Buddenbrock bilden. Jeder Tag bringt eine Menge Zerstreuungen wie Jagd, Feuerwerke und Spaziergänge.

Am 31. begebe ich mich nach Königsberg, das noch 7 Meilen von Sanditten entfernt ist. Die Gegend hier ist reizend; immerfort kommt man an wohlhabenden adligen Gütern vorüber. Dieser Teil des Landes steht in nichts dem Herzogtum Magdeburg nach.

September. Bei meiner Ankunft in Königsberg bekomme ich ein lästiges Schnupfenfieber, das mich drei Tage ans Zimmer fesselt. Der ganze Adel schickt mir freundliche Grüße, und sobald ich wieder ausgehe, werde ich fortwährend zu Gastereien eingeladen. Mittags speise ich bei der Oberburggräfin Kunheim, abends bei Herrn v. Pelet, am folgenden Tag zu Mittag bei Marschall Lehwald und abends bei der Gräfin Schlieben, am dritten Tag bin ich beim General Kanitz und abends nochmals bei der Gräfin Schlieben. Königsberg hat eine prächtige Lage, aber der Handel, für den diese Stadt außerordentlich günstig gelegen ist, liegt darnieder, während er in Danzig in höchster Blüte steht. Das macht die Freiheit, deren sich letzteres erfreut.  Der Erbteilungsrezess vom 1. Dezember 1777, nach dem Landkeim in den Besitz Lehndorffs überging, wofür er seine Schwestern jedoch abzufinden hatte, in: GStA PK, XX. HA, Rep. 54 Gutsarchiv Lehndorff-Steinort, nr. 13, n. f. - Vgl. auch die vom 17. Jahrhundert bis 1768 reichende Verwaltungsakten der Güter in: GStA PK, XX. HA, Rep. 54 Gutsarchiv Lehndorff-Steinort, Nr. 68 und 69. Die Akten von 1771 bis in das 19. Jahrhundert, in: APO, Bestand 382 FA Lehndorf, Nr. 195 ff.
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Am Sonntag gehe ich nach Strittkeim, Landkeim, Lehden und Greibau, lauter Güter, die mir meine Mutter abtritt.
Ich finde sie etwas heruntergekommen, aber meine Freude, mich wieder an einem Ort zu befinden, wo ich geboren bin und meine erste Jugend verlebt habe, ist darum nicht minder groß, und die Felder und die Gegend zu durchwandern, hat für mich einen besonderen Reiz. Am folgenden Tage gehe ich nach Bledau, einem Gut, das dem Staatsminister Korff gehört. Hier finde ich sehr gute Gesellschaft, vor allem die reizende Tochter des Hauses, die mit viel Geist und Talent ein Benehmen verbindet, das der Erziehung, die sie genossen, alle Ehre macht. Ich verbringe hier einen recht angenehmen Tag und kehre dann mit meinem Schwager Schlieben und Herrn v. Klinkowström nach Königsberg zurück. Am folgenden Tag diniere ich beim Präsidenten Domhardt und abends beim Prinzen von Holstein, einem sehr zuvorkommenden alten Herrn, der uns hier gut bewirtet. Nachher besteige ich mit dem Grafen Schlieben sofort den Wagen, reise die ganze Nacht durch und lange am Morgen in Sanditten an. Hier bleiben wir einen Tag, reisen am 10. nach Gerdauen, und am 11. treffe ich um 2 Uhr wieder in Steinort ein. Betrübten Herzens sehe ich den Augenblick herannahen, wo ich wieder von meiner Familie scheiden muss. Am 15. früh trete ich die Rückreise an, nachdem ich von meiner Mutter rührenden Abschied genommen. Meine Schwester Schlieben und meine Nichte Ysenburg begleiten mich bis Rössel, wo wir noch zusammen speisen. Dann steige ich traurig in den Wagen und komme an demselben Tag noch in Heilsberg an, der Residenz der Bischöfe von Ermland. Der jetzige ist ein Graf Krasicki, ein noch junger und liebenswürdiger Herr, der sich aber fast immer in Warschau aufhält, da er ein großer Günstling des Königs von Polen ist. Am anderen Morgen besichtige ich die bischöfliche Residenz und fahre wieder weiter. Gegen 6 Uhr abends komme ich an ein Jagdhaus, das dem Grafen zu Dohna-Schlodien gehört. Hier finde ich eine recht herzliche Aufnahme. Die Grafen von Lauck und Schlobitten sind da. Letzterer ist ein prächtiger Mann, ein welterfahrener, geistreicher und interessanter Gesellschafter. Am folgenden Tage speise ich in der Gesellschaft von 15 Dohnas, lauter vortreffliche und vornehme Leute, und gegen 5 Uhr abends reise ich nach Schlobitten zusammen mit dem Herrn dieses Ortes weiter. Unterwegs halten wir in Carwinden bei der verwitweten Gräfin Dohna, die hier wohnt. Ich treffe da die Gräfin Sophie Charlotte mit ihrer sehr liebenswürdigen Nichte. Auf letztere habe ich einige Absichten, kann aber noch zu keinem Entschluss kommen. Ich überlasse es der Vorsehung Gottes, mein Schicksal zu leiten. Nachdem ich in Schlodien übernachtet, reise ich am anderen Morgen früh weiter. In Elbing nehme ich bei einem Königlichen Rat den Kaffee ein, dann fahre ich, die Nogat und die Weichsel überschreitend, durch den Elbinger und Danziger Werder. Ich übernachte in einem sehr schlechten Gasthause eine Meile von Danzig und komme am anderen Morgen um 8 Uhr in dieser Stadt an. Sofort gehe ich zu Kaufleuten, um mir Stoffe zu einem Kleide für die Hochzeit des Prinzen von Oranien anzusehen. Dann mache ich dem Starosten Korff einen Besuch und soupiere beim russischen Residenten Herrn v. Rehbinder, der der höflichste Mensch ist, den ich kenne. Seine Gattin ist eine ausgezeichnete Frau, und ihre Schwester, Fräulein v. Kalnein, trägt noch in besonderem Maße dazu bei, die Gesellschaft recht angenehm zu gestalten. Diese vortrefflichen Leute überhäufen mich mit Freundlichkeiten. Tags darauf speise ich beim Kammerherrn Grafen Husarzewski, mache der Fürstin Sanguszka einen Besuch und soupiere ausgezeichnet beim Starosten Korff. Dieser ist ein Mann von Geist, und seine Gattin, eine Engländerin, die ihm viel Vermögen gebracht hat, ist eine sehr gute Frau. Sonntags gehe ich mit dem holländischen Residenten Herrn Sonermann in die reformierte Kirche, diniere in Oliva beim Abte und soupiere nochmals beim Starosten Korff. Dienstag speise ich im Garten des Herrn Zoermans, der mir die köstlichsten Früchte vorsetzt. Er ist einer der geschicktesten Gärtner, die ich kennengelernt; er hat es fertig gebracht, hier im Norden die ausgezeichnetesten Pfirsiche und Trauben zu pflanzen. Nachher mache ich mit dem dänischen Residenten einen Besuch bei der Fürstin Sulkowska und soupiere nochmals bei unserem guten russischen Residenten. Am 23. reise ich morgens von Danzig ab und komme am 24. um 7 Uhr morgens in Stolp an, wo der Amtmann mir ein hübsches Frühstück gibt. Ich übernachte in Köslin und komme am 25. mittags nach Naugard. Hier entschließe ich mich, über Stettin zu fahren, wo ich am 26. anlange. Ich speise am 27. beim Herzog von Bevern und verbringe den Abend mit meiner guten Schwester Podewils, von der ich mich am 28. wieder verabschiede. Am 29. mittags komme ich abgespannt und verdrossen in Berlin an. In Preußen hatte ich stets eine gute und angenehme Gesellschaft um mich, ging spazieren und lag meinen Geschäften ob. Toilette war mir Nebensache. Jetzt befinde ich mich auf einmal wieder in einer ganz anderen Lage. Den ganzen Tag muss ich mich mit Dingen abgeben; beständig laufe ich umher und habe keine ruhige Minute für mich. Jetzt heißt es zunächst an Luxussachen denken, selbst wenn man kaum das Notwendigste hat.

 Der Prinz von Oranien trifft am 2. Oktober ein. Zu den Vermählungsfeierlichkeiten ebd., S. 84 ff.
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Hier dreht sich alles um die Ankunft und bevorstehende Vermählung des Prinzen von Oranien.
Die Prinzessin Wilhelmine scheint sich sehr zu freuen, und ihre Hofmeisterin, Fräulein v. Danckelmann, kennt sich selbst nicht mehr, die Vorbereitungen auf das große Ereignis nehmen sie vollständig in Anspruch.