Carl Reichsgraf Lehndorff-Steinort   Anmerkung des Autors (am unteren Rand)Christian Friedrich Carl Ludwig Reichsgraf Lehndorff-Steinort, weil. Kgl. preuß. Generalleutnant a. D., Landhofmeister des Königreichs Preußen, Ritter des hohen Ordens vom Schwarzen Adler usw. usf. 17. September 1770 bis 8. Februar 1854. Ein Lebensbild auf Grund hinterlassener Papiere. Herausgegeben von Maximilian Schultze. Mit zwei Porträts und einem Bild des Schlosses Steinort. Berlin, R. Eisenschmidt 1903. Gr. 8°. 665 S. Preis 18 M.
(1770 bis 1854)

I.

Zu den altpreußischen Geschlechtern, deren Namen mit der Geschichte des Vaterlandes eng verwoben ist, zählen mit Recht die Reichsgrafen Lehndorff. Im Gefolge und Dienste des deutschen Ritterordens kamen die Lehndorff - preußischer Uradel aus dem unteren Weichselgebiete - aus dem preußischen Oberlande, wo sie durch ausgebreiteten Landbesitz sich auszeichneten, fast auf dem gleichen Gebiete wie nachher die Burggrafen zu Dohna, nach dem östlichen Preußen und der Umgebung von Königsberg. Unter den preußischen Herzögen gewannen sie ihren heutigen Herrschaftssitz Steinort am Mauersee. Von da stammt, während alle übrigen Seitenlinien wiederum eingingen, auch die 1791 erst von König Friedrich Wilhelm III. in den preußischen Grafenstand erhobene, jene glänzende Reihe von Staatswürdenträgern, Generalen usw., die den Namen Lehndorff zu seiner Höhe in der Geschichte Preußens erhoben haben, von dem ersten Reichsgrafen Ahasverus Gerhard, dem „Oberburggrafen (+ 1688) bis auf die heutigen Träger des Namens, unter denen  Eulenburg charakterisierte ihn als „Mann von vielem Verstand, vornehm, schön, ritterlich“. Aus 50 Jahren. Erinnerungen, Tagebücher und Briefe aus dem Nachlass des Fürsten Philipp zu Eulenburg-Hertefeld, Berlin 1923, S. 60.
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Reichsgraf Heinrich, der getreue General- und Flügeladjutant weiland Kaiser Wilhelms I.
mit seinem Bruder Reichsgraf Georg den Namen Lehndorff zu besonders hellem Klange gefördert haben.

Dank der hochherzigen Fürsorge Sr. Exz. des Herrn Reichsgrafen Heinrich Lehndorff hat in den letztvergangenen Weihnachtsstagen ein Werk zur Ausgabe gelangen dürfen, das den Namen Lehndorff in dem Lebensgange eines seiner bedeutendsten Glieder historisch wie urkundlich festzustellen bestimmt ist, in „Lebenbild‟ weiland des Reichsgrafen Carl Lehndorff-Steinort. Man darf es wohl als etwas mehr bezeichnen, als was unter diesem einfachen Namen genannt ist. Denn es ist ein Denkmal nicht nur der Pietät eines Sohnes, der das Gedächtnis seines Vaters nicht dahinschwinden sehen möchte, sondern ein Denkmal für einen der besten und dienstfreudigsten Söhne des Vaterlandes aus schwerer, leidensvoller Zeit, der aber der Ersatz für ihre Leiden in der wiedererkämpften Größe nicht fehlen sollte, ein Denkmal nicht des Ruhmes einer Person, sondern der Wirksamkeit und der Erfolge eines ganzen Mannes von Herz, Tätigkeitsdrang und Charakter. - Der Verfasser gibt diesem Denkmal in den letzten Worten seines Werkes gleichsam die Inschrift: Graf Lehndorff - ein Mann der Tat! Wir möchten beinahe meinen, sie laute besser und treffender: Graf Lehndorff - ein Mann der Arbeit!, so stark tritt gerade in den Hauptabschnitten seines tatenreichen Lebens diese seine Lust an der Arbeit in die Erscheinung, und wo wir ihn auch sehen, sei es im Heeresdienste seines Königs in Krieg und Frieden, auf den Fluren seines heimischen Steinort, stets zeigt er ein Bild, das voll befriedigt; in allem liegt das Licht des Gedankens, der eine Männerseele zu rastlosem Schaffen bewegt.

Zu Königsberg i, Pr. , den 17. September 1770 geboren, genoss er seine erste Erziehung und Ausbildung im Elternhause zu Steinort. Noch vor vollendetem vierzehnten Lebensjahre kam er auf das Joachimsthalsche Gymnasium nach Berlin und dann als „Pensionär‟ auf die von Friedrich dem Großen geschaffenen Académie Militaire daselbst, den Ursprung der gegenwärtigen Kriegsakademie. Ende 1788 wurde er als Freikorporal in das Königliche Bataillon Garde eingestellt, wenig nach seiner eigenen Neigung. Denn von Jugend auf an das Pferd gewöhnt, schlug sein Herz nur für die Reiterei. Aber des Vaters Wille entschied für die Infanterie. Graf Ahasverus Heinrich Lehndorff folgte hierin wohl der Anschauung seines Jugendfreundes, des Prinzen Heinrich von Preußen, der merkwürdigerweise, wenigstens zu damaliger Zeit, wenig für die Kavallerie übrig hatte. Der Herbst 1789 sah den jungen Grafen als Fähnrich und damit als Offizier. Er stand an der Schwelle des Glanzes, wenigstens nach seiner damaligen Meinung. Die Zukunft belehrte ihn eines anderen.  Zu dieser Zeit vgl. Schultze, Ein Lebensbild.
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Aller Glanz der Umgebung (die Offiziere des Bataillons Leib-Garde gehörten zum Hause, nicht nur zum Hofe der Hohenzollern), konnte ihn nicht befriedigen. Das Genussleben seines Standes führte ihn noch weniger zur Erfüllung seines Wunsches. Da erklang der Ruf ins Feld für die preußische Armee, Ende 1792 auch für die Garden zu Fuß. Mit hohen Erwartungen zog der Graf mit der Armee an den Rhein, aber Gelegenheit zur Auszeichnung gab es nicht für sein Bataillon, Ängstlich wurde es geschont, wie das kostbarste Gut seines Königs. Tatenlos war es umher bewegt worden, und ohne Lorbeeren kehrte es 1795 nach Potsdam zurück.
Was der junge Graf von den Ufern des Rheins mitbrachte, waren gewiss nützliche Erfahrungen des Kriegslebens für den Dienst, denn er hatte das seine getan, diesen kennenzulernen, obwohl sein Bataillon selbst wenig Gelegenheit dazu bot. Aber für die Friedenszeit der Garnison gab es keine fördernden Erfahrungen aus dem Kroge, die altgewohnte Form des Dienstes blieb das Entscheidende. Was Wunder, dass sie dem lebhaften Geiste nicht mehr genügen wollte, und dass er sich mehr davon versprach, zu Pferde zu dienen? Das lenkte doch auch von den Sorgen ab, die mehr und mehr das Herz beschwerten, jenen Sorgen, die als die Folgen vornehmen Garnisonlebens ins Feld mitgenommen, hier durch das leichtlebige Kriegswesen nur vermehr in die Heimat mit zurückgenommen waren,. Nun verbitterten sie die Tage, störten vor allem den Herzensfrieden mit den eigenen Eltern. Das Avancement aber ließ warten, während die Verpflichtungen des Lebens mit dem Hofe blieben, mochte König Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise dafür auch noch so bescheidene Grenzen ziehen. Endlich mit dem neuen Jahrhundert versetzte der König den Grafen als Premierleutnant, aber aggregiert, zu dem Regimente der Gardes du Corps! Das war das Ziel der nächsten Wünsche erreicht, aber nicht die Freiheit von der Sorge. Denn sein Vater war auch jetzt noch nicht für den Reiterdienst des Sohnes zu gewinnen, und der Aufwand war nur gewachsen.

 Lange hatte er darauf warten müssen, da der Vater sich dem Dienst in der Kavallerie wiedersetzte, vgl. Schultze, Lebensbild, S. 70.
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Mit dem Dienste in der Kavallerie fühlt sich der Graf so recht an seinem Platze
und ist beglückt, seine Gaben frei entfalten zu können.  Zur Tätigkeit im Dragoner-Regiment Rouquette vgl. Schultze, Lebensbild, S. 81 ff., auf Grundlage von Briefen in Steinort. Zu Oberst von Rouqette ebd., S. 90 ff.
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Das gelingt ihm vollkommen, und in besonderer Anerkennung dafür versetzt ihn der König unter Beförderung zum Kapitän, wie der Rittmeister damals noch bei den Dragonern hieß, zu dem anfangs 1802 neu errichteten 13. Dragonerregiment, nachher nach seinem einzigen Chef v. Rouquette benannt.
Es geht von Potsdam nach Mlawa und Przasnitz in Neuostpreußen, aus dem Glanz der Königsresidenz in eine elende, schmuddelige, polnische Landstadt, in der nicht einmal ein erträgliches Quartier zu finden ist. Aber das macht nichts. Denn es geht zu einem Platz, an dem der Mann sich zeigen und bewähren kann, im eifrigen Dienste des Vaterlandes, in tätiger Arbeit, ein Muster zu schaffen, dem gleich, das die Armee auch damals noch in ihren alten Kavallerieregimentern besaß. Fünf ernste Arbeitsjahr verlaufen hier für den Kapitän und jungen Major, zu dem er bereits Ende 1804 emporsteigt. Die Mobilmachung von 1805 brachte die erste Erschütterung des Lebens mit ihrer aufregenden Erwartung, ihren aufreibenden Märschen erst an die Gestade des heimischen Mauersees, dann in die fruchtbare Niederung Schesiens bei Goldberg und Haynau. Aber das Schwert ward nicht gezogen. Das Frühjahr 1806 sah alles wieder in der gewohnten Garnison. Mit machtvollen Schlägen machte sich dafür der Herbst dieses Unheiljahres bemerkbar. Das Regiment v. Rouquette gehörte nicht zu den Truppen, die den Katastrophen des Oktobers 1806 erlagen. Ein gnädiges Geschick gab ihm Gelegenheit, vor dem Feinde sich zu bewähren und nach dem Frieden wenigstens zur Neuformation des ältesten, noch bestehenden Kürassierregiments verwendet zu werden. So blieb sein Name der Armee, nicht minder auch der Schweiß der Edlen, die ihn getragen. Denn ob sie auch das harte Geschick des Vaterlandes nicht aufhalten konnten, die Rouquette-Dragoner kämpften doch mit Eifer und Hingabe im Winter 1806/07 unter ihrem Chef im preußischen Oberlande, bis sie vor des Feindes Übermacht nach Danzig weichen mussten. Am 11. Februar 1807 führte sie General Rouquette tapferen Mutes bei Marienwerder den Franzosen noch einmal entgegen, leider ohne Erfolg und unter schweren Opfern. Auch Major Graf Lehndorff gehörte zu diesen. Verwundet fiel er besinnungslos dem Feinde in die Hände. So kam er kriegsgefangen nach Frankreich, zunächst nach Nancy, dann durfte er Paris aufsuchen. Ein günstiges Geschick entführte ihn der Gefangenschaft schon Ende August des Jahres, und der nächste Monat sah ihn, von dem preußischen Gesandten mit Depeschen an den König gesandt, an dem Hofe in Memel. Welche traurige Veränderung der Verhältnisse musste er hier finden! Überall, wohin er sah, traten ihm Niedergang, Zerfall, Hilflosigkeit, was aber noch weit schlimmer war, Schwäche, Unentschlossenheit und Uneinigkeit entgegen. Im eigenen Hause sah es nicht minder traurig aus. Sein greiser Vater siechte seit Jahresfrist an schleichendem Leiden dahin. Sein Steinort starrte ihm als Wüste entgegen, Freud und Feind hatten es in gleicher Verheerung ausgesogen. Der Besitz des Hauses erforderte ein kräftige Hand zur Erhaltung und Bewahrung vor gänzlichem Verderben. Da legt der Graf den Pallasch ab und greift zum Pfluge, die Armee wird ohnehin verringert, sie kann ihn entbehren, das Vaterland bedarf jetzt des tätigen, emsigen Bürgers.

II.

So wird Graf Carl Lehndorff Landwirt im besten Sinne des Wortes, der Neugründer und Neuschöpfer seines Steinort. Er nimmt seine Arbeit ernst. Denn er steht nicht an, nach Möglin zu dem Staatsrat Thaer zu ziehen, und dort Landwirtschaft auch zu studieren, um seinem Hause den Segen neuer Wirtschaftsgedanken und -grundsätze zuzuführen. Nie ist ein Mannesherz treuer in hingebender Arbeit aufgegangen, als das des Grafen in jenen Jahren der bitteren Knechtschaft unter der Fremdherrschaft. Die Lage des Vaterlandes wird immer trüber. Zu den auswärtigen Verlegenheiten kommen die Wehen einer alle Verhältnisse tief erschütternden, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gesetzgebung, neben den denkbar schwersten finanziellen Leistungen des Volkes eines der tiefgreifendsten Anforderungen an seine Vaterlandsliebe und Königstreue. Wir wissen, dass diese neue Lasten nicht überall willig aufgenommen wurden und dass namentlich in Ostpreußen sich ernster Widerspruch dagegen erhob. Auch Graf Lehndorff konnte nicht mit allem sich einverstanden erklären. Seine Versuche, für seine Standesgenossen einzutreten und die Regierung zu einer Zurückhaltung zu bewegen, die der Zeit und ihrer heilenden, tröstenden Linderung überließ, was doch nicht in Eile und im Sturm eingetrieben werden konnte, blieben erfolglos. Da zog er sich ganz zu seiner Arbeit in Steinort zurück, besseren Tagen in Ergebung entgegen harrend. Aber erst sollte noch einmal die Zeit der Prüfung kommen, als Napoleons Heer sich durch Ostpreußen nach Russland wälzte und der Sommer 1812 dort nahm, was die letzten bösen sechs Jahre noch übrig gelassen hatten. Dann aber schlug endlich die Stunde der Erlösung und ihr erster Schlag führte den arbeitsfreudigen Standesherrn von Steinort aus der Stille seiner Äcker und Wiesen, seiner Forsten und Herden hinweg in das bewegte Getriebe des Staatslebens und der Politik.

 Vgl. Thimme, Friedrich, Zur Vorgeschichte der Konvention von Tauroggen, in: FBPG 13 (1909), S. 246-264 sowie Schultze, Maximilian, Zur Geschichte der Konvention von Tauroggen, Berlin 1898.
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Den Anfang machte sein Ritt zu General Yorck nach Tauroggen im Auftrage Schöns und anderer Patrioten.
Der sendete ihn zu  Vgl. Schultze, Lebensbild, S. 92.
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Massenbach
nach Tilsit, ihm beizustehen in der Stunde der Entscheidung. So hat Graf Lehndorff seinen Anteil an beiden Tagen, deren Gewicht den ersten Stein zum Grunde legte für das Wiedererstehen der preußischen Macht. Es folgen die bewegten und erregten Tage in Königsberg wie im gesamten Ostpreußen, in denen das Erwachen einer neuen Zeit sich ankündigt, in denen die Gewissheit; „Jetzt, oder nie!‟ die Herzen erweckt zu gewaltigen Taten. Die Franzosen war man los, aber dem Könige musste auch geholfen werden, dass er nicht ein Opfer der Macht Russlands werde. So kam der Ostpreußische Landtag zu Königsberg im Februar 1813, nicht ohne ernsten Kampf gegen die Macht einer Persönlichkeit, von der man seinerzeit alles erhofft hatte, und die nun fast ganz versagte - der des Freiherrn von Stein! Es kamen jene entschlossenen, schnellen und so mustergültig taktvollen Beschlüsse des Landtages über die Sammlung der Wehrkraft Altpreußens in der Landwehr, um nun auch das letzte in die Hand des Königs zu legen, was man noch hatte, sich selbst.  Vgl. Meyerinck, Hubert v., Das Königlich Preußische Garde-Husaren-Regiment und seine Abstammung von der Garde-Normal-Husaren-Escadron des leichten Garde-Cavallerie-Regiments und dem ostpreußischen National-Cavallerie-Regiment, Potsdam 1869, S. 20-55: Das Ostpreußische National-Cavallerie-Regiment.
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Bei allem stand Graf Lehndorff im Brennpunkte der Verhandlungen ratend, führend, versöhnend und doch wieder über alle sich empor schwingend mit dem Gedanken seines „National-Kavallerieregiments‟. Führte der Schluss des Landtages die anderen wieder zurück zu der Stelle des heimischen Herdes, so trat Graf Lehndorff mit der Bildung des ostpreußischen National-Kavallerieregiments erst recht in den Mittelpunkt aller patriotische Tätigkeit der Provinzen östlich der Weichsel, wo wurde er mit dieser seiner Schöpfung recht eigentlich das Sprachrohr ihres kriegerischen Geistes. In mühevollen Sorgen um dies sein Werk vergingen die nächsten Woche und Monate und mit den ersten Tagen des Mai konnte das wohlgebildete Regiment dem Heere entgegen ziehen.
In vielem blieb es freilich ein Sorgenkind seines Meisters, aber auf dem Schlachtfelde sollte es sich bewähren, und diese Genugtuung ist ihm doch bis an sein Lebensende geblieben. Schon in den ersten Gefechtstagen der schlesischen Armee zeigte es sich als brauchbar, und in der Katzbachschlacht bewährten Mann und Ross zum ersten Male ihre ostpreußische Herkunft. In oft recht mühevollem Zuge ging es dann von der Katzbach an die Elbe. Katzeler hatte es mit in seine Avantgardenkavallerie genommen, es war dort an seinem Platze. Bei Rothnaußlitz trat es in seinen Leistungen wohlberechtigt anderen alten Regimentern zur Seite, und bei Möckern spielte es mit vollen Ehren, wie die gesamte Kavallerie des Yorckschen Korps, den Franzosen den Kehraus., wie einst wenige Meilen davon der größte Reiterführer des Großen Friedrich bei Roßbach. In entbehrungsvollem Zuge führte es Graf Lehndorff dann bis an den Rhein; zunächst zur Blockade von Mainz, dann in Erholungsquartiere. Hier kam der Tag, wo er seine Führung in andere Hände legen konnte, wie seit langem sein Wunsch war. Er selbst ward zur persönlichen Dienstleistung bei General Yorck zu dessen Stabe versetzt. In Wiesbaden erkrankte er auf den Tod, aber nicht zum Tode, Mitte Januar 1814 konnte er schon wieder mitziehen - gen Paris. Er sollte es wiedersehen, aber nicht, wie er es 1807 als Kriegsgefangener zum ersten Male betreten, mit zerrissenem Herzen, sondern frohen Herzens als Sieger. Zuvor hatte er freilich an Yorcks Seite noch manch bösen Tag durchkämpfen müssen, Den Siegeszug der Deutschen nach England unter Blücher durfte er im Stabe Yorcks im Juni 1814 ebenfalls mitmachen, dann eine lange Zeit des Urlaubs genießen, den er auf Reisen verlebte, so dass er bis nach Wien zum dortigen Kongresse kam.

Erst der Januar 1815 sah in wieder in Steinort. Ihm schien seine Militärdienstzeit damit beendigt. Für Staatsdienste dachte er mehr an eine Verwendung seiner Person als Diplomat. Aber Napoleon machten allen Plänen darüber schleunigst ein Ende. Sein Erscheinen in Frankreich trieb auch den Grafen wieder von Steinort hinweg nach Berlin, sich dort wieder zur Verfügung zu stellen. Er hoffte auf die Führung einer Kavalleriebrigade, denn er war inzwischen Oberst geworden. Aber er kam zu spät. Es war kein solcher Posten mehr zu vergeben, wenigstens nicht bei der Feldarmee, und an einer anderen lag ihm nichts. So musste er sich damit begnügen, wieder eine Stelle im Stabe „zu persönlicher Dienstleistung‟, dieses Mal bei General v. Zieten, einzunehmen. Mitten in der Vorbereitung seines Abgangs von Berlin traf die Nachricht von dem Schlage Napoleons wider Blücher bei Ligny ein, am Tage, da er den Wagen bestieg, die des fröhlichen Sieges von Belle-Alliance. Hals über Kopf ging es nun der Arme nach, aber erst am 9. Juli fand er seinen Chef in Paris, wie alles zu Ende zu sein schien. Dennoch gab es auch für ihn zu tun. Zieten wurde mit der Blockierung von la Fère und Laon beauftragt. Es gelang unter geschickter Benutzung der in Laon herrschenden Verhältnisse diesen Platz zur Übergabe zu bewegen. Graf Lehndorff führte die Verhandlungen, vollzog das Kapitulationsdokument, führte auch auf Grund der zugestandenen Bedingungen die Besatzung bis nach Orléans über die Loire. Ihre Offiziere gaben ihm beim Abschiede in Orléans als Zeichen ihrer Hochachtung ein Fest! Welcher französische Offizier wohl 1870 an ein ähnliches Zeichen ritterlicher Gesinnung gedacht hätte! In Paris fand Graf Lehndorff den General Zieten wieder; der Sommer verging für ihn in verschiedenen besonderen Aufträgen zum Ankaufe von Remonten für die Armee, zu Unterhandlungen mit den französischen Ministern wegen des Unterhalts der preußischen Truppen und dglm. Im Herbst 1815 wurde die Besatzung Frankreichs durch Truppen der anderen Mächte geordnet. Zieten blieb als kommandierender General des preußische Arnmeekorps, Oberst Graf Lehndorff kommandierte unter ihm eine Kavalleriebrigade. Diese Stellung behielt er bis Ende 1818, dann kam er in gleicher Stellung nach Köln als Kommandeur der 15. Kavalleriebrigade. Das blieb er bis er 1820 zum Generalmajor befördert, nach Danzig versetzt wurde, als Kommandeur der 2. Kavalleriebrigade. Als r 1832 um seinen Abschied bat, erteilte ihm Königliche Huld noch den Charakter als Generalleutnant; 1845 erhielt er die Würde des Landhofmeisters im Königreich Preußen, am 18. Januar 1853 den höchsten Schmuck des States: den hohen Orden vom Schwarzen Adler. Am 8. Februar 1854 entschlief er still ohne besondere Krankheit in Königsberg i. Pr. Kurz zuvor hatte er sein Steinort noch im Gefühl guter Rüstigkeit verlassen, und in den letzten Tagen dort sich sogar noch mit dem Einreiten junger Pferde persönlich beschäftigt.

III.

Nur unvollkommen lässt sich aus dieser Skizze der reiche Gehalt beurteilen, der dies Leben auszeichnete. Als das erste tritt die militärische Dienstzeit des Grafen hervor, glänzend nach außen und innen, hauptsächlich durch ihren Erfolg. An drei verschiedene Truppenteile gliedert sie sich in drei verschiedenen Feldzügen. In Interessanten Bildern schildert der junge Freikorporal seinen Dienst, wie seine Erlebnisse im Bataillon Leibgarde zu Potsdam, und der Fähnrich schwingt sich ebenfalls auf zu Berichten über sein Feldzugsleben am Rhein 1793/94 wider die Heere der französischen Republik, die noch ganz ihren jakobinischen Charakter tragen. So wenig umfassend diese Mitteilungen an sich sind, so sehr lassen sie nach Inhalt und Form bedauern, dass sie nur Bruchteile geben, so sehr bezeugen sie sich selbst als rein geschichtliche Mitteilungen über Ereignisse einer Zeit, deren Quellenmaterial und Akten überhaupt nur beschränkt sind. Man freut sich, in diesen Briefen und Tagebuchstücken wirklich nur Geschichtserzählung zu finden, frei von dem gefühlsseligen Beigeschmack der Zeit, von der sie berichten, und dass der junge Fähnrich der Garde, wenn er sich einmal heraus riss aus den Wirrnissen von Vergnügungen und Genüssen, ohne die es damals auch im Feldlager nicht ging, zur Feder gegriffen und sich gleichsam als Historiker bewiesen hat, kritisch den Stoff beherrschend, um ihn, als wüsste er, dass seine Aufzeichnungen einstmals nach Menschenaltern geschichtlichen Wert zeigen würden, auch frei zu lassen von dem, dass die Nachwelt nicht interessieren dürfte. So sind diese Mitteilungen von kriegsgeschichtlichem Wert. In noch höherem Maße tritt solche Bedeutung aber hervor in den Berichten des Grafen aus dem Feldzuge 1806/07, in dem sein Regiment, die Rouquette-Dragoner, mit anderen Truppen zu einem besonderen Detachement unter seinem Chef vereinigt, einen mühevollen aber leider wenig erfolgreichen Kampf gegen französische Übermacht zu führen hatten. Die Sorge, das wenige, was man noch hatte, ganz zu verlieren, lähmte auch hier die Tatkraft; der üble Umstand, dass Wünsche und Vorschläge der verschiedensten Seiten zu berücksichtigen waren, erwies sich auch hier von übelster Wirkung, Nur von kleinen Erfolgen, die den Gang des Ganzen nicht beeinflussen konnten, konnte die Rede sein, bis endlich doch zur unrechten Stunde in größerer Einsatz versucht wurde und trotz alles Mutes und aller Hingabe des einzelnen fehlschlug. Ergreifend tönt aus diesen Monaten die Klage des Grafen in seinen Berichten an seine Angehörigen um die Not des Vaterlandes, um die Notlage der eigenen Truppe und der eigenen Person, und wie das Verhängnis einer Katastrophe lähmt der Gedanke an die Zukunft die Tatkraft des Mannes, während der Gedanke an das eigene Ende wohl deutlich, aber nie gefürchtet ihm vorschwebt. Auch für das unglückliche Vaterland bleibt ihm der Tod süß. Aber er sollte nicht dazu kommen, dafür sollte etwas ihn treffen, das der Seele weit schmerzlicher werden sollte - das Los der Gefangenschaft. Doch nicht untätig hat er diese verlebt. Nancy, mit seiner Hochflut von Leidensgefährten, konnte ihn nicht fesseln. Trotz aller Gesellschaft, die ihm dort sich bot, suchte und fand er die Erlaubnis nach Paris gehen zu dürfen. Aber es waren nicht sie Genüsse der Weltstadt, die ihn hier fesselten, seine Aufzeichnungen von dort zeigen, wie tief ihn das Leben zum Nachdenken, Vergleichen und Prüfen angeregt und gewissermaßen zum Studium beeinflusst hat. Seine Aufzeichnungen über Paris und die Franzosen, über die Umgebung der Stadt wie über die Verhältnisse lesen sich als das Urteil eines Mannes von Verstand und Welterfahrung, und das Bild, das sie vor unseren Augen entrollen, wirkt ebenso anziehend durch das Kolorit, wie durch die Naturtreue der Darstellung. Die dritte Periode seines Militärdienstes wird nun endlich die des Erfolges und der Anerkennung. Können wir die erste die des Glanzes und Genusses ohne Erfolg nennen, verlangt die zweite die Bezeichnung der Periode erfolgloser Tätigkeit, so darf die dritte in Wahrheit die der wohlverdienten Lorbeeren, ja des Ruhmes genannt werden.

Das Ostpreußische National-Kavallerieregiment, sein Gedanke und seine Schöpfung, wurde auch die Waffe, mit der er sich seinen Platz in der Geschichte der preußischen Armee nicht nur, sondern auch in der des preußischen Vaterlandes erkämpft hat. zwei Zeugen gewichtiger Natur stehen ihm noch heute dafür zur Seite, und so lange sie bestehen, wird auch der Name Graf Lehndorff in der Armee seinen Platz behalten: das Leib-Garde-Husarenregiment und das Ulanenregiment von Schmidt, jenes mit drei Schwadronen, dieses mit deiner ersten Schwadron Nachfolger und Erbe des Ostpreußischen National-Kavallerieregiments. In behaglicher Ausdehnung konnte der Verfasser der Tätigkeit des Grafen an diesem Werke und seiner Führung des Regiments gerecht werden, da ihm ein überreicher Stoff dafür zur Verfügung stand. Die beiden größesten Abschnitte des Werkes sind ihr gewidmet, der eine der Seite der Errichtung und Ausbildung, der andere der Tätigkeit vor dem Feinde bis Ende 1813. Seine Arbeit wird dadurch von besonderem Werte auch für die Geschichte des Stammes der obgenannten Regimenter, die bisher des vollkommenen und rechten Lichtes noch entbehrte. Wie es die Natur der Verhältnisse mit sich zu bringen pflegt, dass die Geschichte einer Körperschaft, die nach kurzer Tätigkeit wieder zu leben aufgehört, fast von selbst zur Sage und Legende wird, so auch die Geschichte des ostpreußischen National-Kavallerieregiments. Der Verfasser konnte daher hier an die Lösung einer Aufgabe gehen, die bei der Fülle des gefundenen Aktenstoffes den wertvollsten Erfolg versprach, und den erreicht zu haben, darf er wohl für sich in Anspruch nehmen. Viel hat ihm die weil. Frau Reichsgräfin Anna Lehndorff, geb. Gräfin Hahn, deren Mitarbeit er im Vorworte rühmend gedenkt, darin vorgearbeitet, deren Herzenswunsch die Herausgabe des Werkes gewesen und die in ihrer weit umfassenden, gesegneten Tätigkeit auch dazu so manches vorzubereiten wusste. Jedenfalls geben diese beiden Abschnitte über das ostpreußische National-Kavallerieregiment eine urkundliche und aktenmäßige Darstellung der Errichtungsgeschichte, des inneren Zustandes wie der kriegerischen Tätigkeit dieser Truppe bis zum Schluse des Jahres 1813, deren Bild und Erscheinung im Rahmen der Armee fest gefügt zu haben ein Erfolg von besonderer Bedeutung genannt werden darf. Vieles ist dadurch und zwar dokumentarisch festgestellt, so die inneren Schwierigkeiten, um nicht zu sagen, die Wirren, an denen das Regiment lange gelitten, weil sich seine Glieder vielfach wohl als Teil eines Volksheeres aber nicht einer Berufsarmee fühlen wollten, einer Miliz mit allen Schäden und Schrecken der Indisziplin und Insubordination, der Ruhmsucht und Anmaßung des einzelnen. aber nicht mit dem Geiste der treuen Gefolgschaft und Einordnung in das Gesetz des Gehorsams, noch mit dem Gedanken der Selbstlosigkeit in der Hingabe für König und Vaterland. Es hat des vollen Einsatzes der Person des Grafen Lehndorff mit seinem bewährten Takte und seiner sicheren Menschenkenntnis bedurft, um diese vielen Wirren zu klären, ohne dass das ganze dabei Schaden gelitten oder der einzelne der Untreue gegen den Beruf verfallen wäre. es gehört zu dem lehrreichsten, was die Geschichte nach dieser Richtung hin zu verzeichnen hat, denn es bringt einen vollwichtigen Beitrag zu der Frage von den Schwierigkeiten, mit denen die Verwendung einer reinen Miliztruppe vor dem Feinde verbunden sind, eine aktenmäßige Verurteilung all der Empfehlungen, mit denen dieser Form einer Kampftruppe noch heutzutage, selbst nach den bitteren Erfahrungen der Franzosen 870/71, so gern der Vorzug zugesprochen wird. Auch für die Kriegstätigkeit des Regiments bringt dies Lebensbild Neues, das bisher noch unbekannt war, so über seine Teilnahme an der Schlacht an der Katzbach und über sein Aufgraten in den Tagen unmittelbar vor der Schlacht bei Leipzig, von dem die bisher veröffentlichten Nachrichten nichts kannten.

IV.

Ein überaus fesselndes Bild entwerfen die Abschnitte des Buches, die von der Tätigkeit des Grafen in der Zeit handeln, da er statt des Schwertes den Pflug ergriffen hatte, „Unter dem Drucke der Fremdherrschaft auf Steinort‟ heißt der eine der beiden Abschnitte, die davon handeln, „Die Konvention von Tauroggen und der Ostpreußische Landtag‟ der andere. Jener gibt weit mehr, als seine Überschrift besagt, denn der Graf greift in seinen Briefen und Berichten nicht selten, namentlich in den Jahren 1808 und 1812, auch in die Politik ein,und dann enthält er auch den schätzenswerten Bericht über seinen Aufenthalt bei Thaer in Möglin auf dessen landwirtschaftlicher Akademie, für deren Besuch der Graf durch den Gemahl seiner Cousine, der Gräfin Friederike Schlieben, den Herzog Karl Friedrich von Holstein-Beck gewonnen war, der bekanntlich einer der einflussreichsten Gönner und Förderer Thaers gewesen und dessen Namen in Mögelin noch heute fortlebt. Die Briefe des Grafen an den Herzog aus und über Möglin im Winter 1809 und 1810 gehören gewiss zu den beachtenswertesten nicht nur aus des Grafen Leben, sondern aus seiner gesamten Zeit. Übrigens ist der Herzog von Holstein-Beck auch in anderer Beziehung von großem Einfluss auf den Grafen gewesen, da beider Häuser einander nicht nur nahe verwandt, sondern auch eng befreundet waren, und bis der Herzog 1810 Ostpreußen mit Wellingsbüttel in Holstein vertauscht, auf das lebhafteste miteinander verkehrten. Die Mutter des Grafen, Frau Gräfin Amélie Lehndorff, geborene Gräfin Schmettow, führte einen sehr lebhaften Briefwechsel mit der Herzogin von Holstein bis an deren Tod 1827. Ihr Sohn gab sie der Gräfin zurück, auch von ihnen findet sich manches in diesem Lebensbild. Sie sind ein getreuer Spiegel des gesellschaftlichen Lebens in Königsberg i. Pr. wie der Ereignisse des Lehndorffschen Hauses und des inneren Lebens ihrer geistreichen, wahrhaft frommen und edlen Verfasserin aus der Zeit von 1812 bis 1827. Es sei noch hinzugefügt, dass der hier genannte Herzog von Holstein-Beck und seine Gemahlin die Großeltern väterlicherseits des regierenden Königs Christian IX. von Dänemark waren.

Eingehend schildert der Verfasser den schon früher veröffentlichten Anteil des Grafen Lehndorff ab der Konvention von Tauroggen. Zu Hilfe kommt ihm, dass er selber vor Jahren in der Frage, ob Yorck dazu bevollmächtigt, instruiert usw. war, in einer besonderen Abhandlung sich gegen Droysens Darstellung in seiner Biographie Yorcks und zu Gunsten einer Instruktion und dadurch einer gewissen Teilnahme König Friedrich Wilhelms III. an der Sache entschieden hatte. Zwar bringt er Neues nicht weiter bei. Aber durch die Behandlung, welche die Frage auf Grund jener Schrift von verschiedenen Seiten erfahren, ist doch  Vgl. Thimme, Friedrich, Die geheime Mission des Flügeladjutanten von Wrangel 81812). Ein Nachwort, in: FBPG 21 (1908), S. 199-213 und Ders., König Friedrich Wilhelm III., sein Anteil an der Konvention von rauroggen und an der Reform von 1807-1812, in: FBPG 18 81905), S. 1-59.
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so viel dokumentarisches Material (namentlich in dem Berichte des Generalleutnants Ludwig v. Wrangel aus dem Jahre 1838 an den damaligen Kronprinzen Friedrich Wilhelm, den Friedrich Thimme veröffentlicht)
beigebracht worden, dass er mit gutem Rechte für den Grafen auch an dieser Stelle in Anspruch nehmen darf, was er früher schon von ihm behauptet, besonders, da er hier auch die Namen derer nennen darf, die noch aus des Grafen Munde selbst den Bericht empfangen haben, von dem zum Teil ihr schriftliches Zeugnis beigebracht werden kann. Wertvoll für die Beurteilung jener Tage in Königsberg i. Pr. erscheint ein Schreiben des Prof. Dr. J. G. Droysen an den Grafen aus dem Jahre 1851, das hier zur Wiedergabe gelangt, weil es voll des Lobes und der Anerkennung seiner Wirksamkeit in jenen Zeiten ist.

Wir müssen es aufgeben, noch weiter in das Werk selbst einzudringen, der Raum fehlt uns hierzu. Nur das eine sei bemerkt, dass es durchweg eine umfassende Sammlung von Briefen und Akten aus dem Hausarchiv in Steinort enthält, in der die eigenen Briefe und sonstigen Aufzeichnungen des Grafen Lehndorff selbst den Hauptstock bilden. Unter ihnen seien die an seinen Oberinspektor Behrends in Steinort aus der Zeit von 1813 bis 1818 noch besonders hervorgehoben. Sie gehören zu dem Interessantesten, was von Aufzeichnungen über die Bewirtschaftung einer umfangreichen Herrschaft der Neuzeit vorliegen dürfte. Sie sind umso wertvoller, als sie gerade in der Zeit ihren Anfang genommen, da der Graf zu Felde lag, ein bewunderungswürdiges Zeugnis seiner geistigen Kraft und seiner Liebe zur Sache. Denn sie sind vielfach am Biwakfeuer geschrieben, und doch verleugnen sie in keinem Worte den Geist, mit dem der Graf auch unter dem Klange der Feldtrompeten das zu beherrschen wie zu pflegen wusste, was er mit Recht als die Summe seiner Pflichten gegen sein eigenes Haus, wie gegen dessen Zukunft betrachtetet. Dazu war er damals noch unverheiratet, und lebte der Anschauung, dass ein Sohn seiner Schwester, der Gräfin Dönhoff, einst sein Erbe in Steinort werden solle. Als Gegenstück dazu könnten die Berichte des genannten Beamten über seine Erlebnisse in Steinort aus dem Feldzuge 1807 gelten, mit ihren unglaublichen Verwüstungen für die Herrschaft, bei denen man wirklich nicht recht klar wird, wer hier mehr als der Feind aufgetreten sein dürfte; die Franzosen oder - die verbündeten Russen? Sehr interessante Briefen, die einen aufklärenden und unterrichtenden Blick in so manche Verhältnisse Ostpreußens, sei es in politischer, sei es in wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Art, erlauben, finden sich von den verschiedensten Persönlichkeiten aus der Umgebung des Grafen von 1812 und 1813, unter denen wir den Bericht des Landstallmeisters v. Burgsdorff über seine Erlebnisse mit dem Trakehner Gestüt im Jahre 1813, als es über Pommern nach Oberschlesien geführt war, besonders hervorheben möchten.

Alles in allem haben wir hier das Bild eines Mannes von der denkbarsten Vielseitigkeit in seinen Beziehungen zu dem öffentlichen Leben, wie es in seinen Verhältnissen, die dem Ganzen trotz seines erheblichen Umfangs den Reiz der Anregung und die Fessel des Interesses verleiht. Es ist in keiner Weise ein Memoirenwerk, und, wer derartiges suchen wollte, möchte sich wohl täuschen. Aber es ist ein Spiegelbild der Zeit, der der Graf angehört hat, getreu in ihrem Schatten, wie nicht minder deutlich in ihrem Lichte, und dass dieses Licht nicht grell und abstoßend, sondern echt deutsch gemütlich zum Herzen spricht, dafür hat am meisten schon der biedere, freundliche und doch so energische Charakter gesorgt, der hier in dem Kriegshelden, dem Patrioten, dem altpreußischen Landeskinde zum Ausdrucke kommt. Dafür sogt auch der Fleiß und die genaue Selbstkritik, mit der die zur Behandlung gebrachten geschichtlichen Ereignisse klar gelegt werden, bei denen vieles auf Grund der benutzten Quellen, so vornehmlich auch des Kriegsarchivs des Großen Generalstabs, in ein ganz neues Licht gestellt wird, so dass manchen alten Legenden der Boden für immer entzogen erscheint.

Dass ein guter Teil des Ganzen in französischer Sprache sich darstellt, darf nicht störend wirken. Da für gewisse Zeiten dieses Lebens Umgangs- und Schriftsprache das Französische war, sind auch sehr viele der wiedergegebenen Schriftstücke darin verfasst. Eine Übertragung ins Deutsche hätte sie ihrer Eigenart völlig beraubt und den Charakter der historischen Treue des Werkes geschädigt. Im übrigen stellen sie nach Stil und Ausdruck keine hohen Ansprüche an die Beherrschung dieser Sprache.

Die beigegebenen Porträts des Grafen und seiner Gemahlin Pauline Reichsgräfin Lehndorff, geb. Gräfin Schlippenbach, wie das Bild des Schlosses Steinort sind gewiss eine willkommene Ergänzung des Werkes. Stimmen doch namentlich die Gesichtszüge des Grafen so ganz mit dem überein, wie er in seinen eigenen Aufzeichnungen sich gibt, namentlich in dem freundlichen, etwas kritischen und doch so energischen Zug um die Lippen und dem Geistesblitze der Augen, die oft genug im entscheidenden Augenblicke anderen den Weg zu weisen verstanden haben.

Alles in allem: es ist ein würdiges Denkmal, das hier der Sohn dem lange in Gott ruhenden Vater hat errichten lassen, von dem Stein und Erz sonst kein Zeugnis geben. es ist umso wirkungsvoller, als es nicht an die Scholle gebunden ist, und Taten wie Namen, die es verkündigt, weit hinaus tragen kann über das gesamte Vaterland. Das soll ihm auch gegönnt sein. Diesen Erfolg aber wird es mit Sicherheit gewinnen, wenn in den Häusern des preußischen Adels sowohl wie in denen seiner anderen Stände immer das Wort lebendig bleibt, das Graf Lehndorff einst in seinem Schreiben an König Friedrich Wilhelm IV. so treffend gegeben hat: „Denn das menschliche Herz hängt an der Erinnerung redlicher Voreltern.‟