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Kindheitserinnerungen an Gr. Steinort

von Klara Karasch

Wer bis 1907 von Rastenburg kommend nach Gr. Steinort wollte, musste das Kirchdorf Rosengarten passieren. Am Ende des Dorfes, dort, wo die Dorfstraße sich in zwei Landwege teilte, der eine führte nach Steinort, der andere nach gut Pilwe, lag am Werge nach Steinort das Töpfergehöft meiner Großeltern, wo ich aufgewachsen bin.

Wenn die Steinorter Begüterungen auch nicht zum Kundenkreis meines Großvaters gehörten, weil Gutstöpfer Sensfuhs dort arbeitete, so holten sich doch die Einwohner von Steinort und Labab, einem Vorwerk, das am Weg nach Steinort lag, ihr irdenes Geschirr aus unserer Töpferei. Es waren hauptsächlich Frauen, die sich Schalen (Grettschiewkes), Kannen und Blumentöpfe holten. Auch Gutsgärtner Borowski holte sich im Frühjahr einen ganzen Wagen voll Blumentöpfe, und wenn im Herbst in einem Insthaus ein Ofen erneuert werden musste, holte sic Töpfer Sensfuhs die braunen oder auch nur „geschreegte‟ (unglasierte) Kacheln dazu von Opa, der sie noch selbst herstellte.

Auf hochrädrigem Sandschneider fuhren Gutsverwalter Flottwell und Rendant Hindenberg oft an uns vorbei. Am Sonntag galoppierte ein flotter Reiter, Inspektor Weichler, ins Dorf. Auf seinem Kutschbock thronte Baranowski in seiner dunkelblauen Livree, wenn er Gäste von Rastenburg abholte oder wieder zurückfuhr. Nahte aber ein Viererzug, so saß meist Graf „de Carol‟ darin, der mit seinen Gästen einen Besuch im Waisenhaus machen wollte, das seine Mutter gegründet hatte. Im Gestüt wirkte Stutmeister Lihs. Schon seit mehreren Generationen stellten die Puschkes die Steinorter Lehrer. Die Vorfahren des Gastwirts und Posthalters Polzien, der auch Fotograf war, waren wohl schon mit den Lehndorffs nach Steinort gekommen. Die Gutsmühle, die zwischen Labab und Steinort auf einem Berg am See lag, wurde von Müller Blum verwaltet. Kreuz war Förster und alteingesessene Familien wie Sieber, Uwis, Guss, Masuch, Schönfeld und in Labab Bartnick und Scheinamm wohnten dort.

Im Sommer fuhr Kaufmann Uwis aus dem Dorfe jede Woche einmal mit Kolonialwaren nach Steinort. Bäcker Hölbüng schickte zweimal in der Woche die „Hutzelbab‟ und später die „Semmelanna‟ mit Backwaren nach Steinort und seinen Nebengütern.

Alle Brautpaare der Grafschaft wurden in der Rosengartener Kirche getraut. Im Herbst fanden die meisten Hochzeiten statt. ich kletterte dann auf die Gartenpforte, un den nahenden Hochzeitszug besser sehen zu können. Voran fuhr ein vierspänniger Leiterwagen, auf dem Sitzbänken angebracht waren und der mit Girlanden und Laub geschmückt war. Darauf saßen die jungen Hochzeitsgäste. Die Mädchen trugen hellfarbene Batistkleider, die Burschen dunkle Anzüge. Ins Knopfloch hatten sie rote Bänder geknüpft, die lustig im Wind flatterten. Der Platzmeister (Brautführer) hatte sich als Zeichen seiner Würde mit einer besonders langen Schleife geschmückt. Im Federwagen folgten die Brauteltern und als letzter im Zug kam der Kutschwagen mit dem Brautpaar, in dem meistens auch die beiden Kinder, die in der Kirche Blumen streuen sollten, saßen. Junge Bräute trugen weiße, ältere schwarze Hochzeitskleider, Kranz und Schleier und das Myrthensträußchen im Knopfloch des Bräutigams fehlte nie.

Auf der Hinfahrt kam der Zug fast lautlos vorüber, doch auf dem Rückweg fuhr das junge Paar in flottem Trab voran, gefolgt von den Brauteltern. Erst zum Schluss folgte der Leiterwagen mit dem Jungvolk, auf den im Dorf noch die Musikanten zugestiegen waren. Kaum hatte der Zug das Dorf verlassen, begannen alle zu rufen und zu schreien und der Kutscher knallte dazu mit seiner langen, auch mit bunten Bändern geschmückten Peitsche. Oft hatte der Wagen schon die Kanalbrücke erreicht, doch der Wind trug das laute Schreien und Juchheen immer noch zu uns herüber, denn je mehr Krach auf der Rückfahrt gemacht wurde, desto mehr Glück sollte das junge Paar haben.

Um die Jahrhundertwende weilte der Bruder des Kaisers, Prinz Heinrich, als Gast in Steinort. Meine Eltern erzählten oft, dass der Kirchenchor, dem sie auch angehörten, nach Steinort gefahren war, um den hohen Gast mit Gesang zu begrüßen.,

Nachdem die Bahnstrecke Rastenburg - Angerburg erbaut war, bekam Steinort auch eine Bahnstation. Nun fuhren die Besucher von außerhalb bis zu dieser Station und wurden von dort mit dem Fuhrwerk abgeholt.

Da Opa nun kein irdenes Geschirr mehr herstellte, weil die Industrie das leichtere Blechgeschirr auf den markt brachte und die entstehenden Kachelfabriken die Kacheln viel billiger herstellen konnten, blieb auch die Kundschaft aus Steinort aus.

Nur sonntags, wenn die Frauen zur Kirche kamen, schauten sie aus alter Gewohnheit noch bei Oma ein, um ein wenig auszuruhen und dabei ein bisschen zu plachandern.