11. Oktober

Ich komme eben bei schrecklichem Regen aus Rehsau zurück, wo wir übernachtet haben. Gestern bin ich am Morgen bei herrlichem Wetter dorthin gefahren und konnte in meinem Garten spazieren gehen, mit dem ich sehr zufrieden bin, ebenso wie mit meinem Verwalter Sperling, der ein guter, pünktlicher und fleißiger Kerl ist. Ich liebe dieses Stück Erde sehr. Ich hab es mit meinen Ersparnissen gekauft. Es hat eine ganz besondere Lage, die in Ostpreußen, wo alles platt ist, selten vorkommt, denn es liegt schwer erreichbar im hügeligen Gelände. Ich habe dort oben auf dem Berg einen Garten anlegen lassen, der, wenn man ihn endlich erreicht hat, sehr anziehend ist. Eine sanfte Steigung führt zu ihm hinauf. Oben ist man von der herrlichen Aussicht bezaubert, die über riesige Bäume hinweg den Blick auf einen großen See mit kleinen Insel freigibt. Das Haus ist 150 Jahre alt und für mich besonders anziehend, weil es von einem Vorfahren der Oberhofmeisterin Reuters, geborene Goldstein, erbaut worden ist. Ich habe vor, wenn ich noch leben sollte, dieses Haus zu renovieren.   Editorische Auslassung [...]

12. Oktober

Ich habe schon mehrere Paare verheiratet, seitdem ich wieder hier bin, doch heute findet eine große Hochzeit statt. Er ist ein hübscher Junge, Gereminsky, den ich zum Gastwirt machen will. Sie ist ein sehr hübsches Mädchen, das als Kind in meinem Haus erzogen wurde. Da sie angesehene Gutsangestellte sind, richte ich ihnen die Hochzeit aus. Ich lasse sie frisieren und in meiner Kutsche nach Rosengarten fahren, anschließend wird in meinem ersten Saal getanzt, und im zweiten essen wir zusammen ein Souper mit Dessert und Kuchen, das von meinem Koch serviert wird. Alles war sehr gut und hat mich 40 Taler gekostet. Man hatte mir gesagt, dass meine Leute während meiner Abwesenheit etwas übermütig laut und lärmend gewesen seien. So sage ich ihnen von vornherein, dass es mir wirklich viel Freude mache, ihnen dieses Fest auszurichten, aber bei der kleinsten Unordnung wäre es das letzte Mal. Ich schloss sogar drei Personen aus, die sich schlecht benommen hatten. Das hat so gut gewirkt, dass die anderen vorbildlich waren. Alle haben sich sehr gut bis vier Uhr morgens ohne jede Ausschweifung vergnügt. Wenn man Festigkeit mit Güte mischt, kann man selbst Menschen ohne Erziehung bessern. Sie sind heute morgen alle gekommen, um sich zu bedanken, und ich habe diese Gelegenheit ergriffen, um ihnen Moral zu predigen und sie fühlen zu lassen, dass gutes Benehmen die Grundlage aller ehrbaren Vergnügen ist.

Ich habe endlich Nachricht von meiner Familie in Königsberg. Die ganze Sippe Schlieben beschäftigt sich mit der Erbschaft ihres Bruders, der als Major im Regiment von Pirck gestorben ist. Er endete wie alle sittenlosen Menschen, hochverschuldet und unter Hinterlassung einer Kreatur mit fünf oder sechs Kindern sowie einer Witwe, geborene Gräfin Ysenburg. Diese ist eine sehr würdige, tugendhafte Frau, die wegen ihres klugen Verhaltens die Hochachtung aller ehrbaren Menschen verdient. da sie aber keine Kinder hat, verlässt sie das schöne Gut Sanditten, das nun der Cousin des Toten, Graf Schlieben von Gerdauen, bekommt. Sie selbst wird sich bescheiden in Königsberg einrichten. Meine gute Schwester, die Burggräfin Schlieben, hat sich sehr über meine kleinen Geschenke gefreut.   Editorische Auslassung [...]

Ich beschäftige mich in der Zwischenzeit viel mit unserer Gutswirtschaft. Der Tag ist auch reichlich gefüllt. Um sieben Uhr gehe ich zu meiner wundervollen Frau. Wir arbeiten zusammen, und ich gebe ihr den kleinen  Die Predigten von Wedack, vgl. hierzu den die Ausführungen der Gräfin von Lehndorff im Brief vom 12. September 1800.
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Wedack
bis acht zum Lesen. Danach liest sie mir französisch vor. Wir haben  Nikolas Boileau
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Boileaus
beendet und mit  Briefroman des englischen Schriftstellers Samuel Richardson, der erstmals 1740 herausgegeben wurde.
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Pamela
angefangen. Wir essen allein zu Abend, ohne dass wir uns miteinander langweilen. Wenn ich am Nachmittag etwas Zeit habe und das Wetter für einen Spaziergang zu schlecht ist, lese ich die  Mit der Lektüre ist er am 25. Oktober fertig. Anschließend liest er nochmals seine eigenen Tagebücher aus den Jahren 1760 bis 1770 und findet „viele Ereignisse, die mich seinerzeit stark ergriffen haben“. Heute lese er diese mit „Gelassenheit“, ebd., S. 318
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Briefe der Großkanzlerin Cocceji an ihre Tochter, die Generalin Platen.
Beide waren geistreiche Frauen, die Erstere hatte in Berlin einen hohen Rang und war sehr beliebt. Sie lebte bei Hofe in der besten Gesellschaft. Ihre Tochter folgte ihrem Gatten, Generalleutnant und Ritter vom Schwarzen Adlerorden, der zuletzt Gouverneur von Königsberg war, in seine verschiedenen Garnisonen. Sie starb vor drei Jahren ebenfalls in Königsberg. Sie war meine sehr liebe Freundin und wurde allgemein geschätzt.   Editorische Auslassung [...] Diese Briefe sind die Geschichte eines halben Jahrhunderts. Sie interessieren mich unendlich. Da wir zur gleichen Zeit in der Gesellschaft gelebt haben, kann ich alles nachprüfen, was sie geschrieben hat.