8. bis 13. Juli. Unsere Lage ist äußerst bedenklich. Auf der einen Seite rücken die Franzosen näher und auf der anderen bedrohen uns die Österreicher. In Preußen, meiner armen Heimat, herrscht das größte Elend; man plündert die Häuser, schändet die Mädchen, stellt unerhörte Forderungen, und unsere Armee unter dem Marschall Lehwald vermag den überlegenen russischen Streitkräften keinen Widerstand zu leisten. Ich habe sowieso von dem Befehlshaber unserer Truppen keine große Meinung. Er ist ein tapferer Offizier, daran zweifelt niemand, aber kein bedeutender Kopf, und bei der Lage unserer Armee, die bloß 30.000 Mann zählt, während der Feind über 80.000 hat, ist ein überlegenes Genie vonnöten, das die Gelegenheit wahrzunehmen versteht, wo auch eine schwache Armee Widerstand leisten und auch einer stärkeren Vorteile abgewinnen kann. Herr v. Lewald gehört nicht zu den Helden, deren Klugheit und Genie noch mehr Furch einflößt als ihre Kraft. Er hat einen Grafen Dohna, einen Mann von Verstand, unter sich, aber die Eifersucht macht sich zwischen beiden zum Schaden des Landes und des Königs geltend. Es gibt sogar Leute, die behaupten, der König habe Befehl gegeben, unsere Armee solle sich ganz aus Preußen zurückziehen, um sich nach Pommern zu begeben. Aber die Herren Russen sind ihr zuvorgekommen und haben verschiedenen Korps abkommandiert, um ihr alle Rückwege abzuschneiden.   Editorische Auslassung [...] Ich habe meine ganze Familie in diesem Lande, was meinen Kummer noch vergrößert. In größter Angst bin ich um meine würdige und achtungswerte Mutter und meine beiden Schwestern. Die eine hat ihren Mann, den Grafen Ysenburg, bei der Armee und die zweite, die Gräfin Schlieben, beide Armeen in ihren Besitzungen. Bei Wehlau stehen die Russen und unsere Armee, und ganz in der Nähe liegt Sanditten, das Gut meiner Schwester.   Editorische Auslassung [...] Meine Herren Landsleute scheinen ihren Sonderinteressen alles opfern zu wollen, ohne an ihre Freiheit und das allgemeine Wohl zu denken.

9. Juli. Ich erhalte Briefe aus Preußen, die mich ungemein betrüben. Die Russen haben dort die Feindseligkeiten bereits begonnen. Memel ist genommen, und der ganze Adel des Landes hat sich nach Königsberg zurückgezogen, um den barbarischen Gewalttätigkeiten der Feinde zu entgehen, die überall sengen und plündern. Ich habe meine Mutter dort und zwei Schwestern mit allen ihren Kindern, Möbeln, Geschirr und Pretiosen. Das alles beunruhigt mich aufs höchste. Abgesehen von meinen Einkünften, die ich verliere, muss ich mich jeden Tag auf die Nachricht gefasst machen, dass meine Güter verbrannt und meine arme Mutter in größter Angst und Sorge ist. Ich gestehe, dass ich alle Kraft zusammennehmen muss, um unter diesen Schlägen nicht zusammenzubrechen, die große Liebe, mit der ich an meiner Familie hänge, macht mir in diesen Augenblick des Herz recht schwer.

  Editorische Auslassung [...]

17. und 18. Juli. Wir führen ein Leben voll Angst und Kummer. Kein Tag vergeht, ohne dass schlimme Nachrichten einlaufen, die das Herannahen des Feindes an unsere Grenzen und an die Hauptstadt melden. Besonders schlimm ist die Lage des Landgrafen von Hessen. Er sieht sich gezwungen, mit seinen 77 Jahren noch das Land, seine Residenz und seine Gärten zu verlassen, um sich mit seiner Schwiegertochter, der  Sein Sohn Friedrich II. war verheiratet mit Prinzessin Marie von Großbritannien, Tochter von König Georg II. von England.
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Prinzessin von England
, nach Hamburg zu flüchten, und muss erleben,  Vgl. Schmidt-Lötzen, Nachträge, Bd. 1, S. 124: „Die Kaiserin hat nichts Eiligeres zu tun, als sich in den Städten, die sie in Schlesien erobert hat, huldigen zu lassen.   Editorische Auslassung [...] Die armen Protestanten sind dabei am meisten zu beklagen. Ich befürchte überhaupt, dass der Krieg für diese Religion ein großer Schlag sein wird.“
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dass die österreichische Partei, nachdem sie schon seinen Sohn zum Übertritt zum Katholizismus zu bewegen verstanden hat, es unter den jetzigen Verhältnissen auch noch versucht, dem Lande gleichfalls diesen Kultus aufzuzwingen.
Der Herzog von Braunschweig ist in gleicher schlimmer Lage Die Franzosen sind in seinem Lande, und er weiß nicht, wie er sich helfen soll.